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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   15.11.1998

Volkstrauertag

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Wochnespruch mit kurzer Auslegung (T. G.)

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres 15.11.1998
Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi. 2. Korinther 5, 10
Was heißt müssen? Das beschafft doch Aussicht, Weite, Zukunft. Himmel geht über allen auf. Gott vollendet alle seine Werke und ist mit uns Alles. Wir haben noch so viel vor an Freude, Liebe, Heil-  und Ganzwerden. Ja, das geht durch die enge Pforte Tod, wir werden gerichtet – aber hergerichtet nicht hingerichtet. Es wird uns auch Trauer kommen über all unser Furchtbarfalsches, aber Gott wird abwischen alle Tränen; Christus als Richter bringt uns zurecht. Seine Feindesliebe wird auch den Mördern ihr Herz im Leibe umdrehen, auch sie werden leuchten.
 

Paulus im Brief an die Römische Gemeinde, etwa um 60 geschrieben:
Ich bin überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung;
denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seuf-zen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. (Römerbrief 8, 18 – 24)

Jeder Ort hängt selbstverständlich mit dem Gelände rundum zusammen. Eben strandet ein brennender Holzfrachter nahe Amrum und Schweröl ergießt sich bis an Sylter Strände und tötet Milliarden Organismen. Selbstverständlich liegt Sylt im Raum des Friesischen Watten-meers, was auch nur ein Zipfelchen Atlantik ist. Selbstverständlich ist Sylt Teil von Schleswig-Holstein, was Teil von Deutschland, was Teil von Europa, was Teil der Erde ist. – Und wie Land zu Land gehört und Grund auf Grund, Raum bei Raum liegt, so ist es auch mit der Zeit.
Unsere Gegenwart liegt auf Vergangenem auf und ist für Zukünftiges der Boden. Deine Le-benszeit und meine sind aus dem Ganzen gespeist; ja, je ein eigenes Rinnsal, und manchmal haben wir gemeinsame Zeit, einen Gottesdienst, eine Umarmung, eine Zugfahrt im selben Abteil – die je eigene Zeit, das eigene Rinnsal Zeit wächst an zu einem Lebenslauf, der mit den Lebensläufen der Allernächsten stark verbandelt ist.
Doch unser aller Zeit und deine Zeit stehen ganz geheimnisvoll in einem gemeinsamen Kalen-der, wir feiern auch mit der Hälfte der Menschheit gemeinsam Sonntag und Weihnachten und Ostern. Die wir nahe bei einander wohnen, uns interessieren gemeinsame Nachrichten. Und wir schaffen auch gemeinsam Fakten, etwa durch Bundestagswahlen oder Hilfen für Nicara-gua, oder auch nicht.
Wir haben einen gemeinsamen Wohnraum und gemeinsamen Zeitraum. Natürlich fühlt jeder seinen eigenen Zahnschmerz und spürt Behagen anhand seiner eigensten Nervenenden. – Doch bei aller Privatheit prägt uns das gemeinsam Erlebte. Wie Sylt beim Wetter unter den diversen Tiefs leidet, die über Nordeuropa fegen, so erlebt jeder hier, daß er Zeitgenosse ist, bekommt durch die Herkunft seiner Ahnen sein Deutschsein mitgeliefert. Und auch, daß wir uns zusammenschließen zu den Vereinigten Staaten von Europa, prägt uns gemeinsam.
Also wir haben jeder seinen eigenen Lebenslauf aber im gemeinsamen Zeitstrom. Jeder hat eine eigene Biographie aber in der gemeinsamen Zeitgeschichte. Und mein, dein Lebenslauf prägen auch die gemeinsame Zeit. Was wird, das kommt aus der großen Politik und den vie-len einzelnen Entscheidungen von mir und dir. Allein Eltern zu werden, fällt Entscheidungen für die Zukunft, die Umbrüche, Katastrophen oder Rettungen bringen können. Ein Vulkan kann ganze Landstriche verwüsten, ein Mensch kann ganze Völker in Größenwahn treiben. –
Wie die Orte zusammenhängen und einen Kontinent bilden und der Kontinent die Orte, so bilden die Lebensläufe ein Strömen, das zu dem einen Leben wächst, und das Leben ergießt sich in die einzelnen Seelen, und die haben je ihre Zeit und bestimmen auch die Gesamtzeit.
Das ist ein langer Anlauf für einen kurzen, schlagenden Gedanken: Wir sind auch, was die Zeit aus uns macht; und die Zeit wird so wie wir sind.
(Die Gegenwart ist eben keine leere Zeit, wie ein leerer Kalender es simuliert – heute ein leerer Tag und ich darf ihn füllen, – sondern die Gegenwart ist ein Stimmengewirr aus Freiheitslust und Angeboten und Werben um dein Geld. Die Gegenwart, das sind auch 4 Millionen Men-schen ohne bezahlte Arbeit, rings um den Erdball wohl eine Milliarde. Und die Gesamt-Zeit ist auch voll Gewalt aus Einsamkeit und Nicht-wissen-wohin mit den Kräften und Sehnsüchten, und keiner will sie haben.)
Stimmengewirr aus Mühen und Freuden ist die Gegenwart und das Endstück des eben Ver-gangenen, der Geschichte.
Alles was geschehen ist, also die Geschichte, ist ein Rohbau und wir wohnen darin und bauen noch dran weiter. – Allein, daß nächstes Jahr Deutschland von Berlin aus wieder regiert wird, was heißt das für unsere Geschichte. – Geschichte bewohnen wir, und bauen sie weiter. – Am schlagendsten habe ich das in Rom gesehen, wo in den 1000 Jahre alten Wehrtürmen heutige Menschen ihre Wohnung gesetzt haben mit Satellitenschüssel. – Die privaten Schicksale, wir, ich, du, wir geschehen in dieser großen Geschichte mit und werden ein Stück daran mitbauen und der nächsten Generation die Baustelle Leben hoffentlich mit Lebensqualität übergeben.
Unsere Gegenwart ruht auf der Vergangenheit. Aus der Vergangenheit steigen die Kräfte des Bösen und des Guten hoch in die Gegenwart. Alles Wissen hat sich ja herausgestellt durch die Generationen, die Abhilfe suchten gegen Leid. Abhilfe von Schmerz bringen die Medikamente, Abhilfe von Maloche – die Maschinenkraft, Abhilfe von viel zu kleinen Wissensspeichern – Computer. Das heutige Wissen ist in der Vergangenheit gesammelt, es steigt aus der Vergan-genheit zu uns auf. Wissen ist gut. Was man mit dem Wissen macht, das kann schlecht sein.
Und aus der Vergangenheit steigt zu uns auf neben schönen Kräften auch die Lust an Herr-schaft, an Privilegien, am Rechthaben, am Angsteinjagen. Gerade bei uns Deutschen ist die Gier zu herrschen, zu bestimmen, Angst einzujagen gewaltig ausgebrochen, hat sich in zwei Weltkriegen entladen. Wir oder unsere Eltern, Großeltern, wenn sie nicht die Gnade hatten, Widerstand geleistet zu haben, dann haben wir, sie Menschen gemordet, vertrieben, aus ihren Wohnungen gezerrt, haben uns an ihnen bereichert, haben Orden angenommen für zielgenau-es Schießen, haben dem Führer Helden geboren, haben nicht mal das Sterben unserer Söhne, Väter angezeigt „In tiefem Schmerz“, sondern wie mit Siegesfanfaren: „In stolzer Trauer“ haben sie geschrieben – aus Verblendung und Trotz oder Feigheit. Wir oder unsere Eltern oder Groß-eltern oder Verwandte haben Mord auf uns geladen oder jedenfalls waren sie Mitwisser, haben nicht verhindert – und diese Schuld, diesen Schmerz, diese Greuel, diese Qualen als Staats-pflicht ausgegeben, als Ruhmesblatt verkündet; solche Perversionen schön geredet auch in Kirchen, an Millionen Menschen vollstreckt – das vergiftet den Boden der Geschichte bis heute, das entläßt immer noch Dämpfe des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit.
Diese Vergangenheit verlangt, schreit, fleht um unser Heilen, braucht unser um Vergebung bitten, stellvertretend für unsere Eltern, Großeltern, deren Land und Wissen wir gern geerbt haben, deren Böses wiedergutzumachen uns genau so aufgegeben ist.
Geben wir Menschen aus Hunger- und Diktaturländern Unterkunft und Essen – ihren Kindern Schulbildung wie unsern Kindern; machen wir Brot für die Welt zu einer ganz persönlichen Ehrensache – Tschernobil sanieren oder Polen beim Aufbau seiner Wirtschaft helfen – diese Lust, nicht Herrenvolk sondern Dienende zu sein, die wünsch ich mir für uns Deutsche.
Und dafür wünsche ich uns Zeit. Daß die Zukünftigen uns nicht als Verschwender verfluchen, sondern unser gedenken als Schrittmacher zum Frieden. Und wir unsern Kindern nicht sehr viel vererben, um ihnen die ungerechten Privilegien wieder noch zu erhalten, sondern lieber laßt uns sorgen für guten Boden, sauberes Wasser, verträgliche Energiegewinnung.
Wir, unsere Generation trauert echt um die Verstorbenen der Kriege – wenn wir andere Men-schen und Völker fördern und z. B. Nicaragua und Honduras erlauben, ihre Waren bei uns zollfrei zu verkaufen. Und bis unsere Regierung uns per Steuer zu mehr Entwicklungshilfe treibt, laßt uns die Dinge persönlich in die Hand nehmen. Denn du, ich machen auch die Zu-kunft. Sie hängt nicht irgendwo in den Wolken, wie die Kulissen für den nächsten Akt im Schnürboden des Theaters.
Herrlichkeit, gemeinsame Fülle, Vollendung der Schöpfung stehen bevor. Das glauben Juden und Christen und andere Religionen. Wenn Gott ist, dann wird er der herrliche Vollender der Zeit, und wir werden ewig teilhaben an der nicht endenden Liebe. Bis dahin hier schon Freude mehren, Trauer teilen, Armut lindern. Das Trennende zwischen Menschen soll nicht mehr ins Gewicht fallen.
Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden. – Das ist mit Händen zu greifen bei den verölten Seevögeln, wie klagen sie uns an, die schreiende, leidende Kreatur. Die Vergänglichkeit, der Weg allen Fleisches zum Tode, die Kraftlosigkeit, auch mir Unsympathischen freundlich zu begegnen – das ist doch auf Hoffnung; das ist doch noch in Entwicklung, das braucht doch die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. – Keiner ist glücklich in seiner Mangelhaftigkeit, jeder hat Sehnsucht in der Seele auf Gutsein und Lieben. Pier Paolo Pasolini: „Wieviel Berufungen gibt es für einen jungen Menschen in Trastevere“ und „es ist immer noch besser, sein Herz bebt wegen einiger betrügerisch verdienter Lire als über-haupt nicht.“
Wir bereiten schon die Zukunft, indem wir uns des Heiligen Geistes bedürftig wissen. Und auf Hoffnung sind wir schon vorweg gerissen, manchmal, in die Freude, die Freundschaft, in die Schönheit des Künftigen. Doch. Amen.
 

Schlußgebet
 

Wochenspruch vom 22. November 1998

Wochenspruch vom 29. November 1998 (1. Advent)


 



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