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12.03.2001
Wochenspruch mit kurzer Auslegung (T.G.) 01.11.1998

Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Römer 12, 21

Wir sind gewürdigt, mit Bösem den Kampf aufzunehmen. Es ist Unkraut und Weizen in uns, wir haben beides – Gunst und Mißgunst, Lieben und Hassen. Wenn wir vom Miessein überschwemmt werden, dann entichen wir, sind negativ, vermehren die Angst. Aber wir können oft anders. Wenn wir Raum für Wahl haben, sollten wir uns entscheiden fürs Aufbauende. Freude beschafft guten Nachgeschmack. Wir bereiten Gelingen vor, das ist herrlich – wie ein einladend gedeckter Tisch
 
 

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   01.11.1998

Reformation – Kirche – „Allein aus Gnade“ – Römerbrief 3

481 Jahre ist es her, daß der Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg schlug. Er forderte auf zu einer gelehrten Diskussion über die verheerenden Folgen des Ablasses, forderte eine Reform der Kirche. Zur Disputation kam es nicht, aber die Forderungen Luthers verbreiteten sich in immer neuen Auflagen, der Ablaßhandel geriet ins Stocken. Man versprach ja Sündenerlaß gegen Geldzahlung, und viele Zwischenhändler verdienten an dieser lästerlichen Methode, den Himmel zu Geld zu machen. – Wir verdanken allerdings dieser verheerenden Geldquelle den heutigen Petersdom in Rom und die Bilder des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, die ja Offenbarungsqualität haben – das Gemälde von der Erschaffung Adams – wie prägte es unser Menschen- und Gottesbild! –
Mit dem Angriff auf den Ablaßhandel traf Luther tatsächlich den Nerv der maroden Kirche: Eine hochdramatisch theologische Sache stand auf dem Spiel: Kann man Sünden aus eigener Kraft bei Gott wettmachen – sei’s durch Geld, sei’s durch Gehorsam; dann können wir uns ja das Rechtsein vor Gott verdienen. Und das geht nicht. Auch Kinder haben ihr Rechtsein bei den Eltern dadurch, daß sie rechte Kinder der Eltern sind. Auch wir Menschen sind Gott recht, weil Gott uns lieb hat. Wir werden vor Gott gerecht, weil uns Gott für recht und richtig erklärt. Dies glauben, besorgt das Gerecht vor Gott sein. Damit liegt alles bei Gott und ist menschlichem Mühen, vor allem kirchlichem Wirken aus der Hand genommen.
Mit Luther wurde die Kirche und die Welt grundstürzend anders. Es galt nicht mehr als heilsnotwendig, den Papst anzuerkennen. Mit dem Satz „Auch Konzilien können irren“ verloren alle Bollwerke der Wahrheit ihre Unfehlbarkeit. Wahrheit wurde wieder was sie ist – nämlich vieldeutig, auslegungsbedürftig, auf Erden nur in Form von vorläufigen Absprachen. Damit verloren Kaiser und Papst ihre himmelgestützte Autorität, es erstarkten die Nationalstaaten, später die Demokratien, es verloren auch die irdischen Väter ihre Gottvaterallüren, und die Frauen gewannen die Gleichberechtigung – ehrend sei auch der Katharina von Bohra gedacht, Luthers Ehefrau, vor 499 Jahren geboren; „Herr Dr. Käthe“ nannte Luther seine Herrin des Hauses.
Mit Übersetzung der Bibel ins Deutsche und der Lesung der Gottesdienste in der Landessprache gewannen die Menschen ihre Würde, kamen los vom klerikalen Gängelband. Auch wurde das Gewissen des Einzelnen wieder erkannt als Ort der Klärung von Gut und Böse. Das Recht, Lehre zu beurteilen und Sünden zu vergeben hat die Gemeinde wieder bekommen. Der Beichtzwang wurde abgeschafft. Das asketische Ideal wich einer Wertschätzung von Handwerk und Wissenschaft. Der Schuster, der seine Arbeit gut macht, tut Gottesdienst, Hausarbeit wie Predigtdienst ist heiliges Werk, so Luther. Er lehrte auch „daß es ein ander Ding ist, Gut haben oder dem Gut dienen. In den Händen soll das Geld sein, nicht im Herzen.“ – Besitz und Geld sind Gaben, die gleichzeitig Aufgaben sind – das besorgte mit den Wechsel von der Natural- zur Geldwirtschaft. Eindringlich wurden die Gewissen geschärft: wir sind Mitarbeiter Gottes. Und jeder Mensch ist mit dem andern Menschen gleichen Rechtes, da gleich verwandt zu Christus – das machte später den Weg frei zur Loslösen von Leibeigenschaft und Sklaverei.
Die Freisetzung der religiösen Sehnsucht aus den Fesseln der Kirche eröffnete den Künsten neue Entwicklung. Mit Aufbrechen des engen geistigen Horizontes geht einher auch Erweiterung des räumlichen Horizontes – die großen Entdeckungen der Erde und des Weltalls und später des Mikrokosmos inklusiv unserer Gene sind eröffnet. Die kirchlichen Dogmen gewinnen ihre wahre Bedeutung wieder – nämlich Symbole sind sie fürs heilige Leben. Nicht mehr übernatürliche Fakten versammelt die Bibel sondern Bilder, die Gottes und des Menschen Zusammengehören einüben.
Diese Reformation des geistigen Lebens hat auch Kirche verändert – sie ist nicht mehr Heilsanstalt, die das „Heilmittel zur Unsterblichkeit“ handhabt; nicht mehr Brückenbauer und Fahrstuhl vom verlorenen Diesseits zum Himmlischen. Kirche ist nicht mehr Verwalter der Güte Gottes. Was aber dann? Sie ist Schatztruhe der richtigen Fragen nach Gott und Mensch – sie ist Reservoir der Erfahrungen mit dem Ewigen, sie ist vor allem Gemeinde, Einübeort für Menschenfreundschaft. Sie hält im Gedächtnis die Leiden der Kreatur und lehrt das Singen von Tränen zur Freude hin.
Auch mittels der Reformation hat der Mensch seine Autonomie zugesprochen bekommen. Gott ist verborgen im Weltlauf; der gekreuzigte Christus als Ausweis Gottes zeigt, daß Gott noch in den Wehen liegt dieser leidenden, mühevollen Geschichte. Wir müssen arbeiten, als wenn es Gott nicht gäbe. Und müssen glauben, als hülfe kein Arbeiten – so faßt Bonhoeffer die Moderne auf. Es gibt gute Gründe, wenn nicht atheistisch, so doch agnostisch zu sein – wenn nicht gewiß, daß es Gott nicht gibt, dann doch ungewiß, ob Gott existiert. –
Inzwischen ist ein Großteil gewohnte Kirchlichkeit abgebrochen: Im Osten Deutschlands haben 56 Jahre Staats-Atheismus eine geistige Brache zurückgelassen. Im Westen haben Fernsehen und Jagen nach Geld viele andere Wünsche ausgebrannt – das Kaufhaus als Kirche, der Fernseher als Altar, schöne Reisen zu erreichbaren Paradiesen. Unsere Sehnsucht scheint nur noch auf kleine Wünsche verdünnt.
Die große Botschaft, die Kirche hütet, kann Kirche kaum wechseln in die Münzen des Alltags. Die fitte Sozialstation wird gern genutzt, Kindergärten werden gern in kirchliche Obhut gegeben, ebenso Friedhöfe. – Die Kinder sollen zur Konfirmation, nur wenn sie es wünschen, der Ärger mit der Verwandtschaft ist keine Freude.
( Früher war Kirche der einzige öffentliche Ort, die Gesetze wurden von der Kanzel verlesen. Kirche und Armee galten als Schule der Nation. Aber meist war sie Sache der Obrigkeit, hier wurde auch für Hitler gebetet und für den Sieg. Lange war Kirche nicht für Demokratie, und immer noch meinen zwei der drei nordelbischen Bischöfe, einen mit mehr als zwei Drittel Mehrheit gefaßten Synodenbeschluß mit einem Veto belegen zu müssen: Obrigkeit mitten in der Kirche, deren Herr doch gesagt hat: Einer, ich bin euer Meister – ihr aber seid alle Brüder und Schwestern. – )
Vielen ist die Kirche unakzeptabel, auch wegen herrischer Kirchenleute, die die „religiöse Kompetenz ihrer Mitglieder vernichten“ (M. Kröger). Menschen treten aus, bleiben jedenfalls weit auf Distanz und gestalten Kirche nicht mit. Gemessen an der geringen Mitmachelust bei Kirche, ist es fast ein Gottesbeweis, daß Kirche noch immer da ist.
Kirche muß da sein. Wer denn sonst pumpt Lebensmut in die Gesellschaft, beschafft den Humus für viele gute Werke. Wer redet ins Gewissen, etwa ausländische Mitmenschen gastfreundlich aufzunehmen? Wer erinnert an die gemeinsame Verwandtschaft alles Irdischen, wer predigt die Ehrfurcht vor dem Leben? Wer sagt uns Gott an, adelt uns als Kinder der Liebe, wagt Ehen als vom Schicksal anvertraut zu feiern? Wer lehrt uns, das Sterben als Heimkehr uns gefallen zu lassen? Wer mahnt zu Vergebung und Gerechtigkeit und zum Verzicht auf Privilegien?
Außer Musik, Sonne, Liebesumarmung kenne ich keine leicht erreichbare Quelle für Gottvertrauen und Nächstenliebe als die ganz normale, schlichte, alltägliche Kirche, fast nebenan.
Mit Pastor, Pastorin, der Organistin, dem Hausmeister und vielen Aktiven ist doch Kirche/ Gemeindehaus der gute Ort im Quartier. Und wenn du da keine Gesprächsrunde findest, keine Kindergruppe, Altenkaffee, Hobbyclub für Nachbarschaft, dann rede mit dem Kirchenvorstand, und du bekommst Raum für deine Initiative. Und wenn es keinen Kaffee nach dem Gottesdienst bei euch gibt, dann biete an, du nimmst das Treffen in die Hand und spülst auch nachher. Oder lade dir ein paar Gleichaltrige mit nach Hause, und ihr kocht zusammen. Oder du hilfst den zugezogenen Rußlanddeutschen zu anständiger Ausstattung ihrer Schlichtwohnungen.
Kirche geschieht – oder sie ist nicht. Dafür braucht es die „lebendigen Steine“, so handfest werden die Christen in der Bibel mal bezeichnet: es braucht die aufgeräumten Menschen, die in der modernen Welt als „Briefe Christi“ gelesen werden.
Man wirft der Kirche zu viel Bürokratie vor. Aber mach das nicht. Alle ersten Christen-Gemeinden sind bald wieder vom Winde verweht – nur Rom hat überdauert durch frühe Klärung der Gemeindeleitung und Aufbewahrung der Briefe des Paulus und dann der Evangelien. Spontaneität ist kostbar, aber es muß klar sein, wer die Schlüssel hat. Beten kann jeder zu jeder Zeit und die Bibel auslegen auch. Aber im Namen von Christlicher Kirche sagen was jetzt dran ist, das braucht die Weisheit der Religionen und Hören auf Gesamtkirche und deren Berufung.
Spirituelle Heimat, energiegeladenes Reservoir an Lebensmut und Menschentrost ist Kirche. Sie braucht nur mehr Fordernde, Drängende, braucht Hungrige nach Heiligem Geist, mehr Sehnsüchtige, Wache wie du und ich.
Kirche ist mehr als ein Verein, wo die Vereinsziele nach eigenem Ermessen festgelegt werden. Kirche ist auch die Institution, die „als einzige die Wurzeln von Werten, Grenzen und Geboten öffentlich vertreten und darstellen kann“ (M. Kröger). Auch bleibt sie mit ihrer querstehenden, nicht kommerziellen, nicht unterhaltsamen Art ein Dorn im Betrieb und bleibt Stachel im Bewußtsein: willst du denn zentrale Lebensfragen einfach vertrödeln?
(Selbst die Kirchenaustritte gehorchen ja einer Wellenbewegung, sie gerieren sich als Akt der Freiheit sind aber Teil der Privatisierungs- und Entsolidarisierungswelle – die austreten wollen gern, daß Kirche bleibt, aber andere, die mehr interessiert sind, können sich ja kümmern. Die austreten orientieren sich allermeist nicht religiös neu, sondern, ja, wohin tritt man, wenn man austritt ?– doch ins Leere. Und sammeln doch nur mehr, um es zu vererben an die, die kein Quentchen dankbarer oder erfreuter sein werden.)
Entscheidend wird sein, daß Kirche noch mit Gott zu reden weiß – nicht so viel über ihn sondern mit ihm, jedenfalls in seine Richtung. Auch wenn Gott abwesend scheint, müssen wir uns auf das hohe Meer der Ungewißheit wagen, wir müssen die Felsbrocken kalter dogmatischer Sätze fahren lassen und das Ufer frommer Geborgenheit verlassen – in der Hoffnung, daß mitten in der Wirklichkeit Gott uns blüht, und Religion laut wird in den weltlichen Gesängen und Klagen.
Kirche muß auch geweihte Orte offen halten, Schutzhütten, Quellenhäuser für den Trost der Menschheit, erarbeitet unter Tränen und Qualen. Und bis wir neue Texte haben, muß das Rinnsal der alten Lieder und Gebete und Kirchenmusiken am Fließen gehalten werden, daß neues Leben ausbricht und seine neuen Lieder mit.
Kirche glaubt: Wir stehen alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung und untereinander auch (M. Buber). – Dies leben, dies mit unserer kleinen Zusammenhaltekraft gestalten – daß wir also Gefühle zueinander haben, und die Lebenskräfte zirkulieren lassen – läßt Kirche wieder und wieder entstehen. Die Handlungstradition des Abraham und des Mose und des Jesus – dieser Aufbruch nach vorn und immer Gott dabei wissen, wie dunkel es auch ist – das macht Kirche aus. Macht uns in Kirche wichtig. Amen.

Schlußgebet

Losung für die Woche ab 08.11.1998

Losung für die Woche ab 15.11.1998


 



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