L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
Wochenspruch mit kurzer Auslegung (T.G.) 18.10.1998

Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. Jeremia 17, 14
Mir mangelt es an Gottvertrauen. Darum frage ich mit meiner Krankheit, warum du mich scheel anschaust. Mein Argwohn macht dich mir garstig. Dabei hast du nur Heilmachen vor, bist Helfer, Retter, Zurechtbringer. Dich für einen Beschädiger und Verseucher und Plager zu halten ist irrig – trotz mancher Geschichten, die so klingen. Du heilst. Bin ich noch krank, hast du mich noch in Arbeit. Überhaupt – in deiner Mache sein ist das Höchste. Mir ist damit geholfen. Basta.
 
 

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   18.10.1998

Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, werdet ihr zu dem Berg sagen: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird’s geschehen (Matthäus-Ev. 21, 21).
Johannes-Ev. 5, 1 - 9: Es war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte.
Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
Als Jesus den liegen sah und vernahm, daß er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Willst du gesund werden? – verblüffend diese Frage. Aber es spricht viel dafür, daß man sich an ein Übel gewöhnt, sich einrichtet in Mangel. Manche andauernde Krankheit wird zur Art Normalität, man hat eine Kompetenz. Die Frau des Alkoholikers weiß, wofür sie da ist; der Mann der Schlaganfallpatientin weiß seinen Auftrag, er kann gutmachen sein jahrelanges Rücksichtslossein.  Das bekannte Unglück trägt uns mehr als das unbekannte Glück. –
Jesus trifft einen Menschen, dem die Mühe eingewachsen ist. Er hat sich abgefunden. 38 Jahre liegt er gelähmt. Einst hatte er sich zu den heilenden Quellen geschleppt oder bringen lassen. Aber die Heilkraft scheint bei jedem Quellstoß nur einmal zu wirken. Jedenfalls sind andere immer schneller gewesen. Das Interesse an seiner Genesung schien ihn längst verlassen zu haben. Er gehörte zum Inventar des Kurortes. Vielleicht machte er eben nur noch schattenhafte Gesten, sich doch noch zur Heilung zu bequemen. Vielleicht hatte er ganz vergessen, wie es mal anders war. Vielleicht hatte er einen Status, einen auf den andere herabsehen konnten und dann fühlten sie sich noch ganz okay. So hatte er fast eine therapeutische Funktion im Krankenbetrieb Betesda AG. Nur er selbst – wollte er noch was? Oder war ihm sein Wille mit seinem Können und Wissen schon auch abhanden gekommen?
Sokrates, der Weise, ging so gern zu den Athleten im Stadion – sah gern sie sich mühen. Auch wir schauen gern zu, wie andere Können und Wollen darstellen, die pulsende Vitalität des Körperlichen ist schon wunderbar. – Lebendigstes treibt auch dich, betreibt auch dich – das merken und bestaunen ist wohl ein Grund, warum wir Sport und Tanz und auch Ballett gern sehen.
„Ihr wißt doch“, erinnert Paulus (1. Korinther 9, 24, 25) „ihr wißt doch die Athleten in der Kampfbahn, wie sie laufen. Alle rennen, aber nur einer erhält den Siegespreis, einen sehr vergänglichen. Also lauft, daß ihr ihn erlangt. Müht euch, um so mehr, als ihr einen unvergänglichen Gewinn davontragen sollt.“ Paulus nimmt den Wettkampf zum Bild, an dem wir uns ein Beispiel nehmen sollen: kräftig sollen wir wollen, uns mühen, Gutes beschaffen.
Jesus trifft auf einen, dem die Lebensverneinung aus dem Gesicht schaut. Der ganze Mensch ist wie ein verkrampfter Muskel; nur nein und apathisch, als hätte er mit allem abgeschlossen. Hielt er sich für außerhalb jeder Möglichkeit, sah er für sich nichts mehr in der Schwebe? Hat er aufgegeben und sein Resignieren noch mit philosophischen Argumenten gepolstert: „Der Wille hat niemals jemandem genützt“ (mit Cioran), auch weiß man nie, was daraus wird, wenn die Dinge plötzlich verändert werden.
Ja, hinter ihm liegen Erfahrungen: ich habe es nie geschafft. Und die Gewohnheit: ich versuche es nicht mehr, ich mache mich nur lächerlich: „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren“. – Er erklärt sich den Verzicht auf Heilversuche für klug. – Bis einer kommt. Ein ganz Anderer. Der macht die Welt singen, der trifft das Zauberwort, der setzt ihm eine neue Spule Triebfaden ein.
Willst du gesund werden?
Eigenartig antwortet er: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; komme ich hin, so steigt ein anderer vor mir hinein.“ – Aber Jesus hat nach seinem Willen gefragt: Und der antwortet mit dem Willen, dem Unwillen anderer. Andere helfen ihm nicht, denken nicht an ihn, wollen ihn also nicht gesund haben.
Schuld sind die andern, die Umstände, die Schlechtigkeit der Welt. Was haben wir nicht alles für Gründe, zu verharren im Unglück, uns im Bett der Umstände einzuwickeln, statt das Bett zu nehmen.
Doch Jesus hört hinter das Bejammern, hört noch Heilwerdenwollen und setzt seinen Heilwerdewillen mit in die Tat um. Ein Wunder, wahrlich. – Doch wir sollen nicht Jesu Wunderkraft sezieren wollen. Wir sollen unsere Heilkraft ausgeben und anwenden so gut wir können – denn sie ist wie Jesu Vermögen Teil des Kräftehaushaltes Gottes.
„Du machst mich krank“ – ja wir können uns beschädigen. Und: „mit dir traue ich mir viel zu“ – wir können uns stärken. Wir können uns lähmen und beflügeln; können uns was antun, das geht an die Nieren und unter die Haut, das verschlägt uns den Atem, schlägt auf den Magen, das geht an die Galle und macht uns die Nase voll, besorgt uns eine Gänsehaut, das läßt uns das Herz stillstehen. – Dagegen: Du machst mich glücklich, hilfst mir auf, schenkst Mut. Eigenartig, wir reden mehr vom Beschädigenden als vom Heilen; aber wir können doch einem helfen, daß er sich wie neugeboren erlebt. Schon unser Zutrauen bringt den andern wieder auf die Beine.
Jesus stößt uns an, unsere Kraft zu nutzen, einander wieder in Gang zu bringen. Jesus sagt mal, seine Jünger werden größere Werke tun als er selbst (Johannes-Ev. 14, 2). –
Krankheit behindert uns in seelischen und leiblichen Funktionen, beschwert, hemmt, belästigt, bedroht, schmerzt. Aber manch einer ist kompletter mit nur einem Bein und hat ein größeres Herz bei nur schwachem Puls. Sich selbst aufrecht erhalten und nicht fallen lassen ist Menschenpflicht. Gesundheit ist Gabe, wir müssen sie nach Kräften bewahren und nutzen. Gesundheit ist mehr als ein Katalog von Intaktheit. Manch einer tut Wunder als Invalide, andere halten ihre durchgestylten Körper für ein Gesamtkunstwerk. Sie schuften und verzichten für diese Eitelkeit wie früher die Büßer und Asketen.
Aber krank, darüber sind wir uns einig, ist es, 38 Jahre auf Heilung zu warten, also nicht jetzt, hier mit den vorhandenen Mitteln das Beste draus zu machen, sondern das Leben aufzuschieben auf dermaleinst – wenn die Lähmung plötzlich wegplatzt oder gar erst im Himmel.
Da ist einer, der sich dem widmet, der sich schon aufgegeben hat. Willst du gesund werden? Noch mal eine Zukunft haben, Ideen verwirklichen? Willst du? Gesund werden muß er selber – aber Jesus ist ihm Hebamme. Er hilft dem Lahmen, sich neu zu gebären – sich noch einmal zu häuten und einen Weg auf sich zu nehmen.
Viel Nervosität ist bei uns, Wirrwarr aus Meinen und Möchten. Wetterfühligkeit ist nicht die einzige Abhängigkeit, schon ein Zahnschmerz kann Diktator sein. Doch wir sind imstande zu glauben, daß wir wollen können. Wir dürfen uns für Kinder Gottes halten, also Kinder des Willens, der die Welt will, der Entwicklung anstößt, der die Bedingungen für Evolution setzt. Wir dürfen uns wissen als zu freiem Willen Gewollte. Bei allen Einschränkung durch mehr oder weniger Begabung, Zeit, Umstände haben wir doch den Raum bekommen für eigenen Willen.
Diesen Raum ausschreiten ist Auftrag. Das flaue Gewährenlassen ist schwächlich, Wunschlosigkeit ist Armut (Bonhoeffer). –
Wünsche orientieren, mobilisieren, besorgen Ziele; Wünsche sind Wegweiser in die Zukunft. Ohne Wünsche bleibe ich unbeweglich, bleibe stecken in angehäuften Gefühlen und Empfindungen oder werde hektisch – halte schon Rumfahren für Verwandlung, Tourismus schon für eine neue Welt. –
Das unbedingte Zutrauen, daß Gott noch was mit dir vorhat, gehöre zu deiner Aussteuer an Glaube. Glaub an das Abbild Gottes in deiner Seele. Sieh dein Wollenkönnen als Berufung. Gott hat dich noch in der Mache, in Entwicklung. Nimm dein Bett und geh!
Franz Kafka: Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.
Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Amen.
 

Schlußgebet:


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2017 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...