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05.07.1998 Der Wochenspruch mit kurzer Auslegung (T.G.)

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6, 2)
Ein strammer Satz von Paulus, dem Grundsatz-Theologen der Christenheit.
Aber das wird uns nicht retten. „Gesetz“ – im Sinne Steinerner Tafeln, die uns knechten und auferlegt sind, hat Christus gesprengt. Doch Nächstenliebe bleibt uns aufgegeben. Einfach, weil der andere Hilfe braucht, und ich es brauche, daß ich mein Helfenkönnen loswerde. Aber wir sollten die Last ihm nicht abnehmen sondern sie mittragen, auch einander ertragen, daß wir auch uns selbst erträglich werden. Wir alle brauchen Hilfe von allen. Schau, wem du dich anvertrauen kannst, wag es wieder. Fühle hin, wer dich braucht, sei auf der Hut. Den einen, der dich braucht, versäume ihn nicht.
 
 

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   05.07.1998

Josef zu seinen Brüdern: Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ganze Völker. (1. Mose 50, 21ff)

Wir lesen doch gern Biographien; da wird ein Lebenslauf aufgeblättert, und ein Leben liegt vor uns wie eine Landschaft, eingebettet in andere Landschaften. Da sieht man, wie der große Künstler schon als kleines Kind mit Papierchen und Farben und Federn und Stoffresten seine Kunstwerke baute; da erzählt man vom erfolgreichen Geschäftsmann, daß er schon gegen Geld andern ihre Hausaufgaben erledigte. Wir suchen die Schlüssigkeit von Leben, die sinnvolle Abfolge: Aha, Vater Pastor, Sohn auch Pastor. Wir suchen Entwicklung zu lesen. Wir haben Sehnsucht nach Sinn, nach Abfolge. Wir wollen einen Weg sehen, der zu etwas hinführt.
Dabei: es könnte der Weg das Ziel sein; überhaupt dazusein, also leben – könnte schon reichen als Sinn. Unter der Sonne sein, wenn sie denn scheine, könnte schon zufriedenstellen – jedenfalls aus der Sicht der Hungerleider nach Sonne. Aber dann, nach einigen Tagen Sonne brauchen wir wieder den Weg, die Aufgaben, die Projekte.
Woran das liegt? Wir sind so gern beteiligt an was Wachsendem, darum scheint die Zeit mit Enkeln übrigens zu den Glückssträhnen des Lebenslaufes zu gehören. Kinder, Enkel sind Entwicklung pur. – Schon in ihrer Nähe sein, steckt an mit Lebensbrisanz.
An den Höhepunkten unseres Lebens, den Festen, aber auch zwischendurch, machen wir Bilder. Wir wollen Situationen einfangen, Familienbilder zeigen Standfotos vom Weg der Familie, von mir in diesem so wichtigen Netzwerk. Aber meist landen diese Bilder erst mal in einer Keksdose – für später. Dann meinen wir, wäre Zeit, dem Ablauf der Zeit zuzuschauen. –
Der tiefere Grund ist: Wir können wohl erst von rückwärts her einen Lebenslauf zusammenstellen aus Bildern und Einzelgeschichten. Wir suchen das Wesen eines Menschen einzufangen, indem wir Wissen über ihn zu einem Gesamtbild zusammenpuzzeln. Begebenheiten werden auf einen Faden namens Ich gefädelt, eine Überschau bilden wir uns ein. Warum das? Wir hätten so gern Übersicht. Aber wir können unser Leben nicht überschauen, – wir sind ja drin verstrickt, wir sind ja noch in Gang, werden noch in Gang gehalten. –
Was jetzt ist, ist jetzt zu spüren, zu bestehen, zu nutzen. Aber das Jetzt hat Ausstrahlung. Das Jetzt ist nächste Woche schon das Jetzt plus eine Woche Verarbeitung und Zuwachs an Folgen. Und dies Jetzt ist nächsten Monat, nächstes Jahr noch mal ganz anders wichtig.
Auch darum hätten wir gern ein Kontinuum in der fliehenden Zeit, hätten gern ein Wesen der Zeit, wüßten gern einen, um den sich alles dreht, oder der Untergrund aller Wege ist. Wir hätten gerne Gott gewiß. Darum sind wir hier, uns miteinander zu stärken in Gottesgewißheit. Ja, er ist, der die Übersicht hat oder, und die Dinge zusammenschaut mit seinem Sehen. Schon indem er uns sieht, kriegen wir miteinander zu tun, haben miteinander zu tun, leben vom selben Nährstoff: Gottgeschaute sind wir. –
Wir würden zu gern Übersicht gewinnen, über berühmte Leute, aber auch über unsere Eltern – letztlich über uns selbst –. Warum? Doch weil dein, mein Leben in einen höheren Sinn eingeschraubt sein muß. Was mir geschieht, das steht doch nicht allein für sich im Raum. Wir müssen sinnvoller sein, als mir mein Essen, mein Laufen, mein Reden gerade Sinn macht. Es muß gut fürs Leben sein, daß du, ich da sind.
Das ist gerade so erschreckend an den Crash-Kids, an den jugendlichen Kriminellen, daß sie nur einen kurzen Sinn-Horizont haben: Jetzt Lust aus Hochspannung, jetzt Auftrieb durch Siegesgefühle. Ihnen fehlt, zu jemandem zu gehören. Jeder hat nur sich. Jeder hat andere nur als Ausbeuter, Aussauger kennengelernt. Der kann andere darum auch nur ausnutzen und sie dann für doof halten; oder sie weigern sich, dann werden sie als feindlich erlebt. Sie brauchten die Erfahrung, daß sie gerade mit ihrem Mißtrauen und Ausnutzen gemocht werden. Gut, daß staatliche Stellen sich mühen, Bindungen zu schaffen, Vertrauen zu bauen – daß sie einen Menschen finden, mit dem sie Liebe wagen: Einer, der sagt: gut, daß du da bist. Einer, um den es ihm wehtäte, wenn er ihm wehtut. Einer, mit dem er Leben neu lernen könnte, die Lust nämlich, zusammenzugehören.
Zusammengehören ist unsere innere Bestimmung. Diese Bestimmung ist im Kern religiös. Nicht nur mit einzelnen Menschen zusammengehören will ich, sondern du sollst dich als Äußerung von Ewigem glauben. Das meint doch „Kind Gottes“ – daß ich Ewiges erde, und daß in mir, dir Heiliges Gestalt gewinnt und Hand und Fuß bekommt.
Wir gehören zusammen unter dem Sehen Gottes. Dieses Schauen hat Kraft. Das Angeschaut-werden von Gott ist die Zusammenhalteenergie überhaupt.
Einer, der dessen sicher war, war Dietrich Bonhoeffer –
Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloß. Bin ich das? Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß: Unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem. Wer bin ich: Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.
Einer, der auch Gott im Spiel wußte und von ihm sich sein Leben zusammenhalten ließ, war Josef. Ein Leitbild der Bibel, wissen wir’s noch? Die Brüder Josefs hatten ihn als Angeber sich vom Hals halten wollen, hatten ihm Todesangst gemacht, dann in die Sklaverei verkauft. – Das ist eine Wirklichkeit. aber es ist nicht die Wahrheit. Wozu wurde diese Machenschaft der Brüder benutzt. Aus dem Sklaven wurde ein Retter der damaligen bekannten Welt. Gott nutzte die Habgier der Brüder, um Josef zu finden – Josef sagt das so fromm. Andere sagen: „Die List der Geschichte“ – was ja auch ein Tarnwort ist. Noch andre sagen Zufall – und überhören den Anklang an das, was mir zufällt, mir auch zugedacht und zugespielt und zugeworfen und anvertraut und auch zugemutet ist.
Die Brüder Josefs wollten damals den ungeliebten Bruder nur loswerden, jetzt haben sie Angst, da der Vater tot ist, werde er sich rächen. Aber Josef sieht Gott darin am Werk.
Das entschuldigt nicht die Bosheit. Und doch, der Schmerz von damals, mußte damals getragen werden, und war grausam – im Brunnenloch verlassen, im Keller, die Brüder johlend abziehend – das hat sich eingebrannt. Aber das Jetzt von damals ist Anfang einer Segenkette geworden. Und Josef kann vergeben. Das Böse von damals brachte Josef in die Lage, viel Gutes zu gestalten. Damit wird nicht die Bosheit der Brüder geheiligt. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. –
Aber doch ist bei uns Hoffnung, das Schmerzenreiche werde noch wohin führen. Immer wieder: wer weiß, wofür es gut ist! Immer bei uns die Hoffnung, eine ordnende Hand richte aus dem Chaos noch Gutes an. Wir wollen dem Bösen nicht den Sinn lassen. Das ist die Frucht von 3000 Jahren Josefgeschichte, von 2000 Jahren Jesusgeschichte: Jesus zu Pilatus: Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von Gott gegeben wäre – also nutze die Macht als Zusammenhaltekraft – und nicht zum Zerstören.
Das meine ich mit „Gott weiß, Gott sieht“ als Anker unseres Glaubens. Glaub dein Leben zusammengehalten durch Gottes Wahrnehmen. Dieses Wahrgenommensein von der Liebenden Energie hält uns zusammen. Wir haben jetzt keinen Überblick. Die Vogelperspektive steht uns nicht zu. Wir wissen nicht, was etwas gänzlich bedeutet. Aber weil es was für Gott bedeutet, weil du, ich was für Gott bedeuten, darum sind wir, bleiben wir in ein Gutes verwickelt, auch durch Schmerz hindurch.
Zu gern wüßten wir unsere Rollen, in die wir gekleidet werden, die wir auch auszufüllen haben, aber auch unsere Versprecher gehören zum Bild, auch unser Versagen zum Sagen des Lebens. Wir betreiben unsere Interessen und sind doch nicht die Unternehmer unseres Lebens, werden doch auch geschoben von Lust und Mühen – werden genutzt von Gott. Werden nicht nur interessiert angeschaut sondern werden von Gott, so sagt es Luther, „geritten“.
Nicht, daß die Brüder Josefs auserwählt gewesen wären zur Bosheit. Aber die Verborgenheit Gottes nutzt diese zum Guten. Läßt auch aus Tod und Leid Anderes, Neues erwachsen.
Die in Eschede im Zug saßen, waren nicht ausgesucht, waren nicht auserwählt. Aber angeschaut bleiben sie, im Tod, im Leben; bleiben immer Gemeinte, Angesprochene, in Zukunft Mitgerissene. – Und die Fachleute werden sorgfältiger die Radreifen der ICEs kontrollieren, die Rettungsdienste werden ihre Einsatzpläne optimieren, wir alle leben zitternder, will sagen, nicht so bräsig-dösig, sondern bewußter, dankbarer auch für Ankommen. Der Papst, der den Boden küßt, ein starkes Bild: – noch mal wieder heimgekommen sein, wieder den geliebten Menschen sehen. Man kann sagen, die Menschheit lernt aus den Fehlern – kann man sagen, Gott läßt uns lernen?
Nicht, daß der Zug entgleist ist, damit wir lernen. Nicht, daß Aids auftaucht, damit die Liebesumarmungen Ehen vorbehalten bleiben. Nicht, daß Hitler die Juden verfolgte, damit Israel Land für einen eigenen Staat fände. Nicht der Zweck heiligt die Mittel. – Nicht ein Gott, der die Menschen bestraft, damit sie sich bessern.
Aber auch nicht nur Roulettekugel-Willkür, nur biologische Trefferquote. Jenseits von Kismet: also alles bestimmt – und jenseits der Statistik: alles nur mathematische Treffer. Jenseits von Kismet und Alles egal? Fürchte dich nicht, Gott sieht auch dich und hat dich lieb. Laß dir von diesem Wissen das Leben, deins, alles zusammenhalten. Und liebe. Punkt. Amen.
 
 


 



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