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Predigt 28. September 1997

Keitumer Predigten  Traugott Giesen 28.09.1997

Danket Gott für alles, allezeit

Epheser 5,20

"Sag schön danke" - unangenehm ist uns diese Aufforderung noch im Ohr. Dabei wollten sie der Tante nur zeigen, dass sie wissen, was sich gehört. Wenn die Eltern nur abwarten könnten, die Kinder bedanken sich schon für die Überraschung, wenn denn eines ist. Sie rauschen mit dem neuen Tamagotschi, oder was gerade dran ist, davon zu ihren Freunden - was der Schenkende doch als schönsten Dank sich gefallen ließe, wenn er sein eigenes Kindsein noch nah bei sich hat.

Und wohl danken wir auch Gott viel mehr als wie bewußt beten. Ist nicht dies kindliche Zeigen der Schätze auch noch ein Prunken mit den Geschenken des Schicksals? Wir zeigen was vor, um anderen zu beweisen, dass wir Gottvaters Liebling seien. -

Dank ist ein weites Feld. - Dank stellt sich von selbst ein, wenn wir einigermaßen normal fühlen und denken. - Aber was ist heute schon normal?

Unsere Bauern-Vorfahren haben Erntedank mit Inbrunst gefeiert - ihnen hing Leben dran, ob die Ernte üppig ausging oder verhagelte. Heute handeln wir global; was hier zu viele Hände braucht oder nicht gedeiht, wird anderswo zugekauft. Auch die Nahrungsmittel werden fabrikationsmäßig hergestellt. Immer weniger Arbeitszeit müssen wir fürs Sattwerden ausgeben. Hungern, dürsten, frieren tun wir nicht mehr.

Und doch kriecht schnell nackte Not uns an, wir leben auf dünnem Wohlstands-Eis. Eben noch war das Konto klar, da wird man arbeitslos, ein Unfall kommt hinzu oder zulange wurde der Wagen oder große Wohnung genossen - jetzt stürzt alles.

Unermeßlich viel Grund zum Dank ist, wenn man einigermaßen klar kommt. Denn was ist denn nicht verdankt? Was hat man nicht wirklich alleine geschafft? Was hast du denn geleistet ohne begünstigende Umstände? Was hingekriegt ohne Helfer? Was gefunden ohne Glück? Was erkannt ohne gesammeltes Vorwissen der Menschheit? Was kannst du für deine Konstitution, deine Gene, deine Erziehung? Was ließ Nächste zu dir halten? Und wem dankst du, dass du noch geliebt wirst und lieben kannst, wenigstens manchmal? Wieviel hat sich dir günstig gefügt?

Danken liegt dir im Blut. Du dankst doch unbewußt sicher zwanzig mal am Tag. Jedes Aufatmen ist doch ein anonymes "Lobe den Herrn", jedes behagliche Strecken ein "Nun danket alle Gott", jedes Durchschlafen, ohne von Furien gehetzt zu sein im Traum, ist doch Gnade. Und wieder heil nach Hause gekommen ohne schweren Unfall, und noch nicht im Gefängnis gelandet, und noch nicht öffentlich fertig gemacht worden, und noch nicht zugeschlagen in der Wut. - Du bist doch ein Glückskind, nimm alles in allem.

Du kamst immer wieder auf die Beine, und wenn was schief ging, war es längst fällig. Du weißt, das Schicksal war dir günstig. Wenn du gehadert hast, mit Gott, der Welt, - dann wäre es klüger gewesen, du hättest deine Wünsche besser ins Gebet genommen. Hast du nicht manchmal gelbe Karte schnoddrig überfahren? Aber du hast gelernt.

Und das ist doch auch Dank wert: Du bist lernfähig, du willst das Leben pfleglicher behandeln. Und willst wieder mehr auf Kinder achten, dich ihrem Elans aussetzen, dich mit ihnen verwickeln lassen, ihnen Chancen einräumen und dir die Freude gönnen, ihre Freude zu merken.

Und Dank, dass du die Sonne noch siehst, noch den Glutkern "ich" spürst, noch gern was mit dem Körper machst, und dich immer wieder aufrappeln konntest, den Staub abklopftest und weiter kamst. Und Dank für mehr Einsicht, dass alles seinen Preis hat und alles Süße sein Bitteres dabei hat, und wir das Bittere mitsamt dem Süßen zu schlucken haben. Und: Du hast noch was zu lachen.

Gut, dass Erntedank rot im Kalender steht - ein öffentliches Ereignis - er ist wie ein neuer Anstrich innen. Sieh doch dies Gemälde des geschmückten Altars, die Blumen, das duftende Brot, Brot und Wein als Bilder des Heils, und die Früchte des Feldes - Menschenskind, denk mal, dank mal. Justier deine Denk-Meridiane. Hab ein Einsehen, hab Einsicht in die Grundverhältnisse. Nichts ist doch selbstverständlich.

Das ist auch der Punkt, warum wir untereinander mal ein "Danke" wünschen und ein "Bitte", einfach, um die Grundverhältnisse klar zu kriegen. Danke, dass ihr Eltern mich zum Kindergeburtstag gefahren habt, danke für den Besuch im Krankenhaus, danke für den Geldschein - schlicht, um Signal zu geben: Du warst nicht verpflichtet, ich mach daraus kein Recht, ich habe keinen Anspruch. "Ich danke dir" meint: dein Tun bleibt erstaunlich; dass du mir hilfst, ist wunderbar.

Es ist eine besondere Lebensqualität, eine besondere Farbe, ein besonderer Duft in den Beziehungen, wenn wir danken. Dann ist da Grazie bei uns - Gratias heißt Dank! - ist Charisma bei uns - Charis heißt Gnade. Es ist einfach ein besseres Auskommen miteinander, wenn diese Gerechtsamkeit klar ist: Dank ist anders als Geschäfte: da kommt man überein, was der Preis ist. Dank ist anders als Mitleiden aus innerer Pflicht. Dank ist Antwort auf Schenken, auf Schenken ohne Nebengedanken, wo also die Linke nicht weiß, was die Rechte tut - so sagt es Jesus (Mt. 6,3). Dank ist Antwort auf Schenken, auf Hingabe - was Wunder, Liebe, Gnade eben ist. Das Glück des Beschenktseins äußert sich als Dank - und wenn dies außer Kraft gesetzt ist, systematisch, dann ist das Diktatur, dann ist Unterwerfung und Ausbeutung. Dann muß ich was ändern, sonst erstick ich - auch mit Kindern, die naßforsch meinen, die Eltern haben es ja; auch mit Enkeln, die den Dankbrief nicht zustande bringen - man sollte das Geschenk einfach mal vergessen; auch mit dem Gefährten: dessen Urlaubswunsch partout wichtiger ist als meiner, oder der selbstverständlich das Fernsehprogramm bestimmt. Und mit dem Kollegen: wieso beanspruche ich mehr Rücksicht, mehr Redezeit, mehr Platz? - nehme Vorteile danklos. Und im Sozialen. - Jedenfalls Dank ehrlichen Dank an alle, die ihre Kirchensteuer entrichten, Dank, weil sie auch mir die Freiheit besorgen, Gutes zu tun, egal, ob es was einbringt.

Dank ist eine Währung des Herzens, wichtig wie Sprache oder Musik.

Wenn Dank zwischen uns Menschen schon so kostbar ist, dann ist Dank zwischen Gott und uns erst recht lebenswichtig. Nicht, weil das Geheimnis der Welt knickerig wäre, uns seine Güte vorzurechnen, - der jüngere Sohn, der das Erbe der Eltern schon zu Lebzeiten durchgebracht hat, kommt abgerissen nach Hause: als er aber noch ferne war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn (Lk. 15,20) - Gott holt sich seinen Anteil schon, weil er sich mitfreut in den Freuden des Lebens.

Dank ist vielmehr uns lebenswichtig: Ich muß meinen Platz wissen, meine Stellung im System; muß wissen, letztlich, wem ich mich verdanke und wer in mir jeden Atem zum Zuge bringt, und von wem her unser Kind gerade zu uns auf die Welt kam. Und daß mir das Erstaunlichste überhaupt aufgeht, daß ich bin - dafür ist doch kein Dank zu groß.

Ja, da ist auch das Dunkle, daß ich mir abhanden kommen, daß ich von mir wegtreibe, mich beschädige, um die Genugtuung zu haben, wenigstens Schmerz zu merken; hassend wenigstens etwas zu merken; hassend wenigstens etwas zu empfinden. Es kann sein, daß ich ausgebrannt bin wie ein Ofen. Aber dann doch: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde" (Ps. 23). Dann doch dies von guten Mächten gehalten sein vor Wahn; eine Spur geht mir nahe, die mich bei Trost sein läßt - ja, vielleicht Sylt, Flutsaum oder Keitumer Kirche, wie eine Burg, wo ich mich hinweinen kann zu wieder blanken Augen. Die sehen dann auch wieder den Mitmenschen. Mit einem reden, der einem die Angst ausredet, auch die, mal Alzheimer zu bekommen - dieser Schweif vorlaufender, vorlauter Befürchtungen - wenn einer diese Lohe löschte. Mensch, sieh diesen Tag, diese Sonne, diesen Mitmenschen neben dir. Sieh dich - bist du nicht wert, geliebt zu sein? Jetzt nimm dich doch in Schutz, nimm deine Fingerkuppen zum Mund und besänftige deine Zweifel, du fühlst dich noch. Du dankst doch, Mensch.

Auch die Ernte eines Jahres soll dir Glaubenskraft beschaffen: du, gut, daß du da bist. Du bist wieder gut versorgt worden. Die Menge an Lebensmitteln eines Jahres - wieviele haben für dich sich krumm gemacht, ein Heer von Menschen in deinem Dienst - Nahrung, Bildung, Unterhaltung, Sicherheit, Recht, Gesundheit, Reisen; - wieviel Lebenskraft anderer kam dir zugute, wieviele Freude durftest du teilen.

Das Beschenktsein spüren - das macht dich reich, das Leben liebt dich. Das dir wahr sein lassen, ist Sterntalersein täglich. Schürzen voll Glück. Ja, auch Heulen, Schmerzen, Schrecklichkeiten - aber sein dürfen, hier, unter Menschen, zu ihnen gehören, so reich an Gefühlen. - Was muß das für ein Gott sein, Schöpferisches Zentrum, wovon wir Ausfluß, Ausdruck, Echo, Abglanz sind.

Danken macht auch großmütig - schwierig sein ist schwer. Wer einigermaßen zurechtkommt mit sich, der will, daß andere auch zurechtkommen, der wird Glück schützen und Unglück lindern. - Dank macht großmütig. Dank macht schön, mehr weiß ich auch nicht . Und der Weltenschlüssel heißt Demut (Christian Morgenstern). Amen.


 



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