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Predigt 23. November 2003

Keitumer Predigten Traugott Giesen 23.11.2003

Ob wir leben oder sterben, wir sind im Herrn

Psalm 126 2.Teil:

"Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

(HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.) Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben."

Das ist ein Wallfahrtslied, die Gemeinde sang es auf dem Weg zum Tempelberg, dem Zion. Es wurde in schleppendem Gang gesungen, sehnsüchtig, wie Durstende nach Wasser schreien, während sie auf dem Weg durch die Wüste sind - und tatsächlich erinnern die Pilger auf dem Weg zum Tempel sich an die Vorfahren, die durch die Wüste ins Gelobte Land zogen, damals beim Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens unter Mose, und 1000 Jahre später schleppte sich ein Rest zurück aus der Knechtschaft Babylons. Ja, an den Wassern Babylons saßen wir und weinten, an die Weiden am Ufer hängten wir unsere Harfen.(Psalm 137) - auch so ein Wallfahrtslied. Die Erinnerung an Leid der früheren Generationen war bei ihnen, als sie jetzt auf dem Weg zum Tempel waren, und ihre Füße schlurften, und die eigene Mühe zu leben lag ihnen mit auf der Zunge, als sie sangen: „Wenn der Herr uns Gefangene Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden.“

Viele Generationen weiter hat sich die Zeit sehr geändert. Wir sind viel privater geworden, wir strömen nicht mehr in einer Wallfahrt zur Kirche, wir kommen per Auto, jeder fast für sich, jeder mit seinen Gedanken, und die Chancen stehen schlecht, in einem großen Schwung vereint zu werden.

Uns eint aber, dass an diesem Tage unsere Toten nahe sind. Kann man das so sagen? Unsere? Toten? Jeder hat einen Menschen oder zwei, die sind weggegangen und sind doch ganz nah, wie nur von einer Papierwand getrennt. Wir müssen und wollen und können und dürfen noch hier sein unter der Sonne, haben noch Zeit bekommen, mehr wir selbst zu werden, anders, auch durch das "Ohne einander". Einer sagte mal „Das Vermögen, das ich diesem und jenem hinterlasse, besteht aus dem Freiraum, den ich ihnen einräume, indem ich gehe“ (H.Brodkey).- Kann sein, kann nicht sein. Vielleicht hat er noch Heimat durch dich in dieser Welt, und dich ziehts nach drüben auch um seinetwegen. Kann sein, jedenfalls sind sie; sind mehr als je Träumende, Mund voll Lachens.

Nennen wir sie nicht „Tote“, lieber „Heimgegangene“ oder „Vorangegangene“ oder „die im Frieden“. Sie leben doch mehr als wir, die wir uns so sehr mühen müssen, durchzukommen, so um Haltung bemüht. Das Schiff, das wir winkend verabschieden, ist bald hinter dem Horizont verschwunden, - für uns am Ufer geht es unter, aber für andere, am anderen Ufer taucht es auf, kommt es an.

Als sie losmussten, ging eine Welt ging für uns unter, Vater, Mutter, Kind, Mann, Frau, Allernächster, mit ihm haben wir eine Welt gehabt, und jetzt müssen wir allein weiter. Aber sie sind Angekommene, sie sind die Aufgeweckten, die der Herr schon heil macht.

Gehen wir von dem aus, was wir sehen: Manches Sterben hier ist Ende von Erschöpfung, anderes Sterben ist Zerstörung, Abriss, Verstümmelung. Den Tod benutzen, um Mitmenschen aus dem Weg zu räumen, ist die Menschenschuld überhaupt. Von hier, von unten gesehen ist Sterben Hinfallen und Verfallen. Mit jedem einzelnen geht eine Welt verloren, sein, Fühlen, sein Blicken, seine Vorlieben und seine Abwehr, sein Bild von der Welt mit sich selbst als Zentrum, das geht uns verloren, - aber geht es ihm verloren? Geht es Gott verloren? Wenn unsere augenlose Totenhaut hier bleibt, "der Reisesack des Lebens" (R. Musil) zur Erde kommt, der verlassene Körper wieder zu Erde wird, ist da doch das andere, die Person, Seele, das Ich. Wenn der ganze biochemische Apparat ausgedient hat, dann ist sein Fahrer ausgestiegen, umgestiegen - Sterben als Umsteigen. Ist das ein taugliches Bild für den Überschuß, der doch ist? "Wenn wir aus dieser Welt/durch Sterben uns begeben/verlassen wir den Ort nur/ wir lassen nicht das Leben (Friedrich von Logau)." Ist es so?

Wird uns der Herr erlösen? Vielleicht kannst du für dich ein Nichtsein denken, aus Bescheidenheit oder Müdigkeit, oder du glaubst zu viel an Materie oder bist zu phantasielos. Aber das kann nicht sein, denn für deinen geliebtesten Weggangenen bist du in guter Hoffnung, ihn weißt du im Glück, du weißt ihn von guten Mächten wunderbar geborgen. Du weißt ihn als Befreiten, von allem Gefangensein erlöst, die Hände endlich geöffnet, die auch viel Falsches festgehalten haben, du weißt, er starb nicht abgefunden in seinem Hunger nach Gutsein. Und: „Die Blüte irdischer Liebe gabt ihr euch doch zum Pfand fürs Reich des Geistes und der Güte“ (M. L. Kaschnitz), oder?

Auch – wie starb er denn, war es nicht so wie mit den Vögeln (nach A. Camus): Während der Flug der Vögel uns tagsüber ziellos vorkommt,scheinen sie gegen Abend immer ein Ziel zu finden. Sie fliegen auf etwas zu. War es so nicht auch bei seinem Lebensabend, seinem Sterben?

Von uns Zurückbleibenden aus gesehen, sind sie Gegangene, mehr können wir redlicherweise nicht feststellen. Aber es gibt ja mehr als uns Leuchtwürmchen der Liebe, uns Tagelöhner der Schöpfung, uns krummes Holz, um aufrechten Gang so Bemühte, Blumen auf dem Felde, wenn der Wind, wenn die Zeit uns fällt, sind wir hier nicht mehr, wollen hier nicht mehr wollen. Es gibt auf dem Markt der Hoffnungen eine harte Währung: Das ist die Auferstehung Jesu. Gott stellt ihn vor sich, ins Licht vor sein Angesicht. Und uns auch, Jesu Geschwister, Söhne und Töchter Gottes, seine Miterben.

Auf uns allein gesehen sind wir Erde, aber der Glutkern deines, meines Ichs ist, dass Gott dich will zum ewigen Gegenüber. Gottes Chip in uns, heißt: Du bist sein.

Darum, wenn wir die Sterbenden hinschwinden sehen, sind sie für Gott Kommende. Sie bringen ihre Garben; mit Freuden. Das ist wunderbare Verheißung für jedermann: Wenn du dein Leben bringst, werden es Garben sein, sicher geläutert, als wie durch Feuer. Es muss eine Siebe- und Heilungsstrecke geben, die Alten nannten es Fegefeuer - nenn' du es Reinigungsbad, oder Bekehrung,- jedenfalls ist das Gottes Verheißung: ihr werdet kommen mit Freuden und eure Garben bringen.

(Unsere Leistungen waren bestenfalls, „was wir zu tun schuldig waren“- „man hat sich bemüht“, so die Grabinschrift Willy Brandts). Mit Freuden kommen wir, weil auf unsern Gesichtern Leuchten wiederscheint- es stammt nicht von den Garben, sondern von dem, der uns erwartet. Der uns herrichtet, nicht hinrichtet, uns das hochzeitlich Kleid reicht, dessen Liebe macht uns schön.

Und keiner auf Erden ist der Ergänzung durch Gott nicht bedürftig. Das ist der Kern des Bildes vom Jüngsten Gericht: Wir werden hergerichtet und schön gemacht, Die Hölle- „ein mytischer Name für das Schmerzarchiv der Individuen und Völker“ (P. Sloterdiyk), ist ja Realität, aber keiner bleibt angeschmiedet an seine Schuld, an sein Leid - der Herr wird seine Gefangenen erlösen.

Ich glaube, „die Erfolgslinien des guten Seins laufen hinaus in einen Fortsetzungsroman namens Ewigkeit“ (P. Sloterdiyk), das Ruhen Gottes von allen seinen Werken wird mit uns geschehen, er hat uns doch die Ewigkeit als Sehnsucht ins Herz gelegt (Prediger3, 11). Sollte uns Gott dann eine lange Nase drehen? Nein, das kann nicht sein, keinem. Entweder er ist, der Herr Jesus Christ, der Herr Zebaoth, dann ist Erlösung vor uns. Oder er ist nicht.

Weil wir aber auf den Herrn setzen, sind all die Bruchstücke Liebe schon heilig; heilig, die mit ganzer Seele und ganzem Leib geliebt haben. Und die gelitten haben an innerem Eis, werden endlich aufgetaut. Gott wird kein einziges Wesen löschen. Gerade wenn das starke Licht „Gott“ voll aufleuchtet, nimmt es uns schwache Lichtlein in seine Brandung auf.

Die uns starben, in unseren Armen oder an Gewalt, laßt sie uns träumen als in Gottes Liebes Brandung aufgenommen - „Auf der Rückseite der Zeit, wo sie schon wandeln“ und der Heilung zufliegen, da ist Reife und Ernte, mit viel „Erde im Himmel“ (F. Pessoa).

Sie sind schon im Glück, Träumende, Mund voll Lachens. Sie sind uns voraus, uns, die wir noch mit Tränen zu säen, auch Drachensaat. Was soll man machen? Leid tragen und Inseln des Glücks schon hier bauen. Und nicht wegdrängeln.


 



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