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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   28.07.2002

Anziehen die Arbeitsschürze der Demut

1.Petrus 4, 8-10; 5, 5
"Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; ihr wisst es steht geschrieben: 'die Liebe deckt auch der Sünden Menge' " (Sprüche 10,12).
Seid gastfrei ohne Murren. Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. Alle aber miteinander lasst uns anziehen die Arbeitsschürze der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade."

Gott widersteht den Hochmütigen - wir wissen es aus eigener Erfahrung.
Hochmut kommt vor den Fall, kommt zu Fall. Gerade habe ich über den dösigen Autofahrer vor mir die Nase gerümpft, da bemerk ich, daß ich noch Fernlicht anhabe. Man regt sich gerade über Habgier der Verwandtschaft auf, da erwischt man sich bei der eigenen Lust am Schnäppchen. Eben fordert man Sittenstrenge, da schießen einem feurige Gedanken durch den Kopf. Eben lächelt man über die bedachtsame Weise des Partners, die Kartoffeln sehr akribisch zu schälen - da fällt einem das schlampig gepackte Tablett hin. Hochmut kommt zu Fall - im Kleinen alltäglich. Und im Großen ist Deutschlands Wahn unter Hitler immer noch frisch. Es ist eine Gesetzmäßigkeit: Die Gebote des Lebens lassen sich nicht auf die Dauer brechen; Meine Lebensverachtung richtet sich auch gegen mich selbst. Mein Lügen straft auch mich und zwar mit Mißtrauen; Irgendwann mag man sich selbst nicht mehr, Freunde wenden sich ab, die Bank sagt: „Nein danke". Irgendwann gibt's die Strafe für Hochmut: „Mir kann keener - Ach wissen'se ne..." jeder fällt auf seinem Niveau; Es ist nur eine Frage der Zeit. Und Gott ist die Zeit.

Jesus, vor dem letzten Mahl, wusch seinen Jüngern die Füße, eine Drecksarbeit, er legte den Arbeitsschurz an, - vielleicht aus dieser Geschichte das griffige Bild von der Arbeitsschürze, die wir uns umbinden sollen. Demut ist die harte Arbeit, miteinander gut umzugehen.

Höflichkeit kann die Püffe dämpfen, aber die kleinen Zeichen von Unwillkommenheit glimmen um so mehr, Gastfreundschaft auch dem, der nicht dazu gehört - ein weites Feld; Höflichkeit überhaupt "hat noch die Scheu bei sich, die mächtige und ritterliche Personen voreinander beweisen, und gilt dem Bewahren des Abstands, dem Nicht-zu-nahe-treten, ehe man einen Grund zum Angriff und die nötige Kenntnis von der Macht des Gegners besitzt" (R.Musil).Oder Höflichkeit als Ersatz für Freundlichkeit, um sich nicht verwickeln lassen. Und Geld kann auch helfen, sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen.

".... reiche Leute finden immer andere, die sich ein Vergnügen daraus machen, ihnen gefällig zu sein" (X. Marias).
Demut ist eine andere Welt. Es ist der Mut zum Dienen, den anderen ernst nehmen, ihn mit seinen Schwächen und mit seinen Stärken ertragen, auch ihm die Last mittragen. (Galater 6,2). Oder auch ihn tragen, ein Stück weit an ein rettendes Ufer: es gibt schreckliche Lagen, da muß man einen wegzerren, einen wegschleppen aus der Gefahrenzone.-
Wir haben Scheu, uns zu sehr zu verpflichten, aber dann werden wir gepackt, es bleibt uns keine Wahl, - wie Simon von Kyrene, er kam gerade vom Feld und stand am Weg, als Jesus unter seinem Kreuz zusammenbrach - „und sie nötigten ihn, ihm das Kreuz ein Stück zu tragen" (Lukas 23,26). Diese Stunde Frondienst brachte ihm die Unsterblichkeit, auf immer bleibt der Name genannt für alle spontanen namenlosen Helfer. Auch der Einsatz des Barmherzigen Samariters war scharf umgrenzt: "... und brachte ihn in eine Herberge, hege ihn, 'Wirt, ich will dir's bezahlen, wenn ich zurück komme' " (Lukas 15).
Dienet einander - ein jeder, eine jede mit der Gabe, die er, sie empfangen hat. Auch mit die Meinung sagen, auch mit Chancen einräumen, mancher ist schnell im Denken, andere tief, einander sich beistehen je mit seinen Qualitäten. Auch für andere mitarbeiten, ohne auf mehr Bezahlung bestehen, einfach weil es mir, dir leicht fällt, es dir von dir Hand geht, du es gern tust.

Arbeit ist Dienen. Und wer sich vor Arbeit drückt, der hält sich für zu schade zum Dienen, er muß eines Besseren belehrt werden. Kleine Kinder helfen ja liebend gern, aber so ab vier, immer wieder, ist auch die Lust da, sich vor Arbeit zu drücken. Dies den Kindern und uns selbst immer wieder einprägen: Gut, zum Gelingen des Lebens beizutragen. Es ist Hochmut zu meinen, man sei so geliebt, man brauche sich nicht zu mühen. Schon weil Gott sich müht! Dass er sich müht um seine Welt, das hat die Menschheit früh erzählt: "Gott ruhte am siebten Tage" (1. Mose 2,3) und räumte das Ausruhen seinen Menschen auch ein und den Zugtieren auch. Um dann beherzt weiter zu machen mit Dienen. Es ist ja genug zu tun, es ist ja Gottes höchste Leidenschaft, mit uns sein Reich zu bauen und Gottes höchste Kunst ist es, zu machen, dass die Dinge sich selber machen. Bis zur Gottes- und Selbstvergessenheit lasst uns uns vertiefen, "den Garten zu bebauen und zu bewahren" (1. Mose 2,15) - und von diesem Auftrag ist keiner ausgenommen, obwohl früh schon Spezialisierung von Nutzen schien, und damit das Klassendenken, das Oben und Unten in die Welt kam.

Demut - der Mut zum Dienen, rührt an das Geheimnis des Menschen mit Grazie. Er weiß, im Grunde ist alles Geschenk, also: alles ist im Wesentlichen Grund für Dank. Paulus stutzt uns mal zurecht: „Wer gibt dir einen Vorrang? Was hast du, das du nicht empfangen hast, was also rühmst du dich, klopfst dir selbst auf die Schulter?" (1. Korinther 4,7) Und: Einige sitzen gern obenan bei Tisch und haben es gern, auf dem Markt gegrüßt zu werden.- "Aber wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden" - so Jesus. (Matthäus 23,6,7,12).
Demut ist nicht Selbsterniedrigung. Wir sollen uns nicht klein machen, um unbehelligt zu bleiben. Es ist so: „Wem viel anvertraut ist, von dem wird viel erwartet, wer viel kann, dem wird viel abverlangt" (Lukas 12, 48). Demut weiß, dass die Gaben aus einem Pool stammen, sie gehören zum Schatz Gottes. Darum beschaffen die Gaben kein Recht auf ehrfürchtigere Behandlung. Wohl muß der mit der meisten Verantwortung am schnellsten vor Ort sein; 1. Klasse soll fahren, wer am meisten Ruhe braucht. Wer sich im Porsche wohlfühlt, soll ihn fahren können, wenn er genug Talent hatte, sich anderen so nützlich zu machen, dass sie seine Dienste gut bezahlen. Aber wer gern Golf fährt, soll das nicht als Bescheidenheit verkaufen - „Bescheidenheit ist der Putz der Frommen". Demut, die von sich weiß, ist schon keine mehr.
Demut weiß, was für „Geschaffenes wir sind, weiß, dass wir Staubgeborene sind" (Psalm 103), mit Verfallsdatum, zwar denkfähig, aber fehlbar, alle Entscheidungen müssen erst sich bewähren, alles Wissen ist vorläufig, wir sind schwache Menschen von schwachen Eltern, ein Hauch Traurigkeit ist über uns gesponnen, „es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben so Luther," - alle überschäumende Lebensfreude schickt wieder an Mühe und Arbeit. Diese Melancholie lässt ein pietistisches Lied so singen: „Ach ja, wir haben's gut."
Demut nimmt sich an, ohne sich was vorzumachen. Ich weiß dann, wie ich hinter dem Entwurf Gottes von mir zurückbleibe, - jede Kollekte offenbart mich mir als kleinlich, gemessen an dem, was ich abgeben könnte, ohne dass ich irgendetwas vermisste. Schon wahr: Im besten Falle bleibt zu sagen „Im besten Falle taten wir eben nur unsere Pflicht, haben wir nur unsere Schuldigkeit getan, wir Knechte, Mägde des Lebens" (Lukas 17,10). Willy Brandt soll sich auf den Grabstein verfügt haben: „Man hat sich bemüht."
Demut erspart es, zu demütigen. Sie schluckt die kränkende Pointe runter, sie stellt nicht bloß, sie lenkt ab von des andern Ungeschick, sie erlöst aus Peinlichkeit durch Humor.

Wer in der Gnade der Demut steht, der weiß viel von seiner Sünde, und wie er davon zehrt, dass die Liebe zudeckt, und müht sich, anderen mit Milde zu begegnen. Dieser Hochmut, mit dem wir andern ihre Verfehlungen vorhalten, - und sind doch selbst ganz nah am Rande - ist ein Jammer. Das Schwafeln über Gerechtigkeit und Ordnung bei gleichzeitigem Ausblenden der eigenen Sünden, ist nur schlimm. Das „Hochmüteln" (R. Walser), sich über seine Umgebung erhaben zu fühlen, braucht noch viele Stürze zum Klugwerden.

Eine besondere Versuchung in meinem Berufsstand, ist das Inanspruchnehmen von Zeit und Aufmerksamkeit durch zu lange Predigten. Einer (war es Kierkegaard?) warnte die Pastoren so:
„Gottesdienst - während der Predigt entschlief ich. Ich träumte von Christus. Der ging vor zur Kanzel und zog eine Säge unter dem Mantel hervor, prüfte die Schärfe und sägte, wie Tischler sägen, die hölzerne Säule durch, die den Prediger stützte".
Darum kurz: Ziehen wir an die Arbeitsschürze der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. Man muß ein Stück sich aus dem Mittelpunkt gerückt sein lassen, um sich an etwas Größeres zu verlieren, an das nie erlöschende Gemeinsame, das uns trägt. Am Meer, im Sand, nackt oder fast, allein oder fast, schenkt sich Demut wieder aus. Amen.


 



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