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12.03.2001

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   12.08.2001

Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar..

Ich muß zu diesem vertrauenvollsten Wort der Bibel greifen, um standzuhalten diesem Schrecken. Stellen Sie sich vor: 150.000 bis 200.000 Verneinungen kriegt der Mensch ab, bis er erwachsen ist. Zwanzig Jahre mal 365 Tage, also 7000 Tage hören wir an die 25 Mal: du sollst nicht, das macht man nicht, schrei nicht, hör endlich auf, räum auf, pass doch auf, red nicht so viel, ich kann deine blöde Musik nicht mehr hören, geh mir aus den Augen, kannst du nicht hören!
Hundertfünfundsiebzigtausend Mecker, Schimpfe, Tadel, Mahner, Beschwerden - die uns eingestanzte Mängelliste: hundertfünfundsiebzigtausend Verneinungen. Und das geht noch weiter, später, zieht sich aus den Elternhäusern in die Ehen, schlägt sich nieder an den eigenen Kindern oder an Verkehrsteilnehmern Arbeitskollegen, Kunden. Setzt sich fort in Beschimpfungen und Beleidigungen in den Medien, in der Politik. Wir werden streitsüchtig und stiften kleine Kriege an. Wir 200.000fach Kleingemachten, zu Macht oder Geld oder Einfluß gekommen, machen selber klein, um aus dem Meer der Kleingehaltenen aufzutauchen, uns zu erheben und auf Kosten anderer wer zu sein. Oder der Hauptbefehl an sich selbst lautet: "Halt dich zurück."

Aber das ist von Gott anders gedacht. Es ist ein Vertrauensschatz jedem Menschen mitgegeben, eine innere Schutzimpfung, die immun macht gegen Verneinungen. Es ist uns ein Depot von Vertrauen mitgegeben aus den Himmeln, ausreichend für den Lebensweg. In feiner Dosierung muß uns ein Lebensmut-Fluid einströmen, das uns einflößt den Willen, ich zu sein, bis zum letzten Atemzug. Wir müssen uns nur erinnern. Und alle Religion ist Erinnerung an unsere himmlischen Wurzeln.
Bevor wir in die Chromosomen unserer Eltern gegossen wurden, waren wir in Gottes Sinn. Wir sind seinem Willen entsprungen: Gott sprach: "Es werde Licht: und es ward Licht". So sprach auch Gott: "Es werde Hans und Franz und Else und Telse". Die grandiose Widmung, die jedem Menschen widerfuhr, heißt (mit den Worten aus Prophet Jeaja 43,1: "Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst, erlöst aus dem Nichtsein." - Dies Zitternd wieder und wieder sich aufblitzen lassen: Du, ich gewollt wie ein Kontinent, wie eine Tierart, wie eine Milchstraße voller Sterne: Du in eigenständigem Schöpfungsakt geschaffen, hervorgerufen aus den Billionen möglicher Kombinationen, erwählt, du in die Gene deiner Eltern gerufen, ins Leben gerufen mittels der Zeugenden, die nicht wussten was sie taten: Psalm 139: "Im Dunklen hast du mich mit Herz und Nieren bereitet, deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war (Psalm 139,13-16). Und Paul
Gerhardt antwortet: "Gott, da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden (aus: "Ich steh an deiner Krippe hier").

Da muß man schon fragen, wieviel gezieltes Dazutun hält das Wunder von Zeugung und Geburt aus. Wenn Erbkrankheiten nicht weitergeben werden, ist das im Sinne Gottes. Nur, die Kenntnis, die die Anlage zu Mukoviszidose herausfiltert, kann auch die Anlage zu groß, klein, Frau, Mann herausfiltern.- Und basketballvernarrte Eltern, was könnte sie hindern, sich 2,40m Kinder zu bestellen oder Diktatoren, was kann sie hindern, sich zu vervielfältigen in 10.000 Führerimitaten. Dem Nachwuchs wäre doch sein Ich entrissen und durch Funktionsfähigkeit ersetzt.- Wie soll da Gott die Einzigartigkeit jedes Einzelnen sichern? Darum dürfen wir nicht die Gene auswählen.

Zurück. Du, ich gewollt von Gott her, mittels dieser Eltern in diesen Zeiten. Und die Eltern, die Gesellschaft, in die du hineingepflanzt wurdest, ist bös-gut, gut-bös, 98 % aller Kinder haben durchschnittlich gute Eltern, die rechtschaffen erziehen und doch an die zweihunderttausend ehrabschneidende Äußerungen tun, taten. Und ich bin kompliziert, nicht nur wegen dieser Einschränkungen: Robert Walser schreibt: "Ja, ich denke an Mama. Sie wird weinen. Warum schreibe ich ihr nie? Ich kanns nicht fassen, gar nicht begreifen. Und doch kann ich mich nicht entschließen zu schreiben. Das ist es: ich mag nicht Auskunft geben. Es ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht so liebe Eltern haben, sie sollen sich dran gewöhnen, keinen Sohn mehr zu haben."- Vielleicht extrem. Aber wir sind kompliziert, wir Menschen. "Ein Tröpfchen Erregung zuviel und wir werden ins Chaos geschleudert; ein Tröpfchen Hemmung zuviel und wir ersticken an Beständigkeit und Ordnungswahn." (Botho Strauss).

"Ein leichtes Angerührtwerden von außen hätte genügt, mich in den eigenen Augen etwas besser zu machen" (Nicolas Born) - das kann doch sagen nicht nur, wer im Gefängnis seine Strafe absitzt oder zuhause still vor sich hin trinkt oder sich aus Angst vor seinem Jähzorn aus dem Haus schleicht. "Es kann einen sehr berühren, wenn im wirklichen Leben jemand mit einem reden oder einen begleiten oder sonst was mit einem tun möchte"(Harold Brodkey). Es ist viel Aufbauendes in der Welt.
Aber wir brauchen Bestätigung noch anderen Kalibers. "Um sich selbst als Mensch vollziehen zu können, brauchen wir aller Angst gegenüber einen unbedingten mütterlich-väterlichen Schutz" (Eugen Drewermann). Und der muß größer sein als Irdisches, Beleidigbares, Sterbliches. Gut, daß Gott ist, er, die letzte Adresse für Dank und Klage.

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!"- Nimm das, in Leuchtschrift auf die Innenseite deiner Stirn geschrieben. Wer er ist, abgesehen von seinen Wohltaten, kann ich nicht denken, vielleicht "Was wir alle getrennt sind, das ist er in einer Person"(Xavier Marias). Er, "Sonne und Schild" (Psalm 84,12), alle Macht ist mein Hirte. Schutz , Schirm, Hilfe, Retter. Er zieht mich durch die Zustände. Schleift mich durch die Wirklichkeit, beatmet mich, beherzschlagt mich, befeuert mich mit Lebenwollen. Weil er mir Hirte ist, kann ich nicht verfallen, auch wenn ich mir verloren ginge. Mir wird nichts mangeln an Ichsein. Er hütet mein Ich. Das Puzzle, das ich bin, das ich mir bin, hütet er, er hält mich zusammen. Und schenkt mir die Glücksaugenblicke, gern ich zu sein, bei mir zu Haus, ein aufgeräumter Mensch, mal.

Er weidet mich auf einer grünen Aue. Ich kann mich ernähren, die mir Anvertrauten dazu. Ich hab was, womit ich andern nützen kann, so daß sie mir auch nützen. Ich kann arbeiten, hab zu beißen und mehr, hab auch was, um abzugeben, er hat dir Güter und Gaben anvertraut,

Er führet mich zum frischen Wasser: Es ist Liebe, in vielen Schichten und Größen, wahrgenommen werden von der Haut bis in die Seele, nicht nur in gröbsten, täuschendsten Umrissen, sondern erkannt werden, wie man ahnt, daß man gemeint sei; die Liebe, die einem eingibt, als Ich wichtig zu sein, diesem Menschen und so ist er mir das Pfand, vom Ganzen geliebt zu sein. Du immer wieder geführt zu dem, mit dem du aus einem Brunnen schöpfst, der euch beiden gehört, und ihr reicht euch zu trinken, immer wieder, und jeder denkt vom andern: du bist für mich das Wasser des Lebens. Frisches Wasser: du selbst glaubst, besser geworden zu sein durch ihn. Dies widerfährt dir wieder und wieder.

Und er erquicket meine Seele: er rüstet mich mit Mut aus, ich zu sagen, er bläst dich mit seinem heiligen Geist an und du findest Sprache, die hinübersetzt zum anderen, und spricht was euch beiden entspricht, was euch einander verstehen macht, gerade erquickt vom anders sein des andern, das nicht dein Sein untergräbt, sondern passend sein lässt.

Er führet mich auf rechter Straße, gehen muß ich selber und er führt auch durch Versuch und Irrtum. Und die Holzwege erweisen sich als holzreich, als beutereich, mussten wohl getan werden um Erkenntnis zu scheffeln. Und wie sträubst du dich immer wieder, den rechten Weg zu gehen? Die vielen Signale, Weisungen, Bitten in die richtige Richtung.

Um seines Namens willen: weil Gott Lust hat am Gelingen von Gemeinschaft übersät er uns Menschheit doch mit Links zum Guten, macht uns doch Geschmack an Freude. Es ist uns nichts Fremdes, Gutes zu tun, das macht doch: "Geschaffen zu seinem Bild sind wir" Und wie ist sein Name: "Ich werde für euch da sein" ist sein Name. "Um seines Namens willen", heißt: Lieben ist Gottes Wesen und Beruf.

Und ob ich schon geh im Finstern, im Tal, fürcht ich kein Unglück. Es ist Schatten bei uns,wir sind nicht schlecht, machen uns aber Schwierigkeiten, gut zu sein. Mit dir in Berührung kommen, macht das gut? Du bist da nicht so sicher. Der gute Wille ist nicht, das Gute zu wollen, sondern etwas in Güte zu wollen" (Robert Musil). So mach ich viel falsch. Aber Gott ist bei mir und führt hindurch. Unglaublich, wie die gedeihen neben mir, auch trotz meiner. Sein Stecken und Stab trösten mich.- Sein Zuspruch; Doch du taugst, Du hast Stärke, geduldig zu werden. Doch.
Und die Schläge des Lebens - "wenn dein Herz aus Kummer zerbröckelte" (Màrquez) wenn zum Beispiel ein vermißter Mensch deine ganze Gegenwart ausfüllt, mehr als je seine Anwesenheit es vermochte, wenn das Schwarz der Trauer dämmernd sich in dunkelviolett wandelte - du hast es erlebt: sein Stecken und Stab trösteten dich - ein Wort, daß du in guten Händen bist - ein Blick, ein Sonnenstrahl auf Rosen, ein Kind, das nach dir greift - lauter vertrauensbildende Maßnahmen. Das Finstere blieb nicht finster, das Tal weitete, dir wuchs wieder Horizont zu. Du hast es erlebt.

Er bereitet dir einen Tisch im Angesicht deiner Feinde. Ja, Mitmenschen wollen dir auch was abjagen, auch Freunde können weh tun, vielleicht hast du Feinde, wem hast du geschadet und es nicht bereinigt? Vor allem Du bist dir selbst bösartig. Und doch: Das Leben als Tisch des Herrn - damit ist alles gesagt: Du schaffst mit an, du bereitest mit vor, du lädst mit ein, du hilfst doch, daß Gott ein guter Wirt ist? Er salbet dein Haupt mit Öl, macht dich schön, pflegt dich - lässt du dich pflegen, gedeihen Menschen an deiner Hand? Vor allem: Das Haupt mit Öl salben - das gehört zur Zeremonie der Königskrönung. Du, zur Tochter, zum Sohn Gottes gesalbt - auch durch die Taufe.

Und schenket dir voll ein - vom Becher der Freude, der überstandenen Mühen, auch des Leides, das getragen und fortgetragen sein muß. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen. Diese Vision: Du sollst Segen erfahren und ein Segen sein. Du wirst Spuren hinterlassen, daß du anderen verhalfest, sie selber zu sein. Daß sie singen können von Gott: "der dich erhält, wie es dir selber gefällt" - und du hast es mitbetrieben, Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen.

Und du wirst bleiben im Hause des Herrn immerdar. Vor dir gelobtes Land: Haus Gottes, Heimat, lauter Himmel hier schon, weil auf dem Weg, du, zu bleiben im Hause des Herrn.
Jeden Tag mit diesem Psalm beginnen, jede Nacht kommen lassen mit dem Gebet: ich werde bleiben im Hause Gottes - dann weichen die Furien hinter dich zurück, die Verneinungen zerfallen wie Nebel.- Du gerettet, gestärkt, geliebt, gebraucht - du wunderbare Tochter, Sohn Gottes. Du, bejahender Mensch. Amen.

Schlussgebet


 



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