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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   15.07.2001

Das Scherflein der Witwe

Markus 12, 37-44

"Und Jesus setzte sich im Tempel dem Kollektenkasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; wohl zwei Groschen. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese Frau hat mehr gegeben als sie alle. Sie haben alle von ihrem Überfluss was eingelegt; diese aber hat ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte."

Auch ich mache ja den Menschen Mut, Mitglied von Kirche zu bleiben, zu werden, auch weil sie ein Kulturgut ist, und wir doch das Schatzhaus des Glaubens hüten und erhalten sollen. Wir tun auch sonst manch Gutes, auch um vor Gott nicht zu dumm mal dazustehen. Für den Fall, daß wir Rechenschaft geben müssen - was wir eben nicht mit ganzem Herzen, aber ein Stück weit doch für möglich halten. Dieser Umgang mit Religion, sie wie anderes kulturelles Erbe so mitlaufen zu lassen, so wie Literatur oder Heilkunst,- aber doch nicht mit ganzer Seele, sondern eben bürgerlich, ordentlich, abgewogen, man hat ja noch mehr zu tun - dies: ich bin unter anderem auch religiös - das äußert sich an unserem doch recht gelegentlichen Kirchgang, - und eben auch an unserer mehr nachlässigen Art des Abgebens.

Jesus sieht eine Frau an den Opferkasten treten, eine Witwe, die den Ernährer verloren hat aber wohl noch mehrere Kinder versorgt, dies ohne Rentenanspruch - eben als Arbeiterin hier und da. Sie wusste wie andere Tagelöhner morgens nicht, ob sie abends genug erarbeitet haben wird für das tägliche Brot, das Brot für diesen Tag. "Diese Frau hat nichts zu verlieren, offenbar deshalb vermag sie alles zu geben" (Eugen Drewermann). Sie hat nichts zu verteidigen. Sie hat nichts, was sie vor anderen in Sicherheit bringen müsste. Nichts, was sie zwischen sich und die anderen stellen kann - keine Haustür, keine Hauswände, wohl auf der Straße, irgendwo. Das ist für uns alle Versorgten außerordentlich beängstigend. Für die ohne Obdach übrigens auch. Gestern kamen fünf Menschen mit zwei Hunden auf der Durchreise, baten um eine Gabe - ja, allein reisen ist zu riskant,- sagten sie.

Diese Fahrensleute und diese Frau im Tempel erfahren jeden Tag die Güte Gottes oder auch seine Kargheit - denn Gottes Liebe geht ja durch Menschenhände - wie viele beten zu Gott um gnädige Nächste. Wieviele muß Gott erst noch zu Nächsten bekehren. Wir müssen wohl erfahren, wie völlig angewiesen wir sind auf guten Herzrhythmus, auf jeden Atemzug, der noch gelingt. Unser Leben muß wohl erst mal am seidenen Faden gehangen haben, um das Gerettetsein zu spüren. Ja, ich darf noch sein, noch hier sein, darf noch Freude schmecken - das bestaunen ist der Stoff der Religion.

"Religion ist schlechthinnige Abhängigkeit" (Fr.D. Schleiermacher), ganz und gar sich beschenkt wissen mit Lebendigkeit, Kraft, Lust, Freude haben, Freude machen - gewiegt und eingehüllt sein von Gott - dann gelingt alles. Paulus: "Ich habe Mangel, aber habe auch gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir auch geht. Ich komme zurecht, wenn es mir elend geht und wenn ich reichlich habe, ich bin mit mir im reinen, ob ich satt bin oder hungrig, ich kann Überfluß haben und Mangel leiden. Ich kann das, weil Gott mir die Kraft gibt" (Philipper 4,11-13).

Jesus ruft die Jünger: "Seht Sie euch an - sie hat ihren Lebensunterhalt eingelegt, sie hat keine Angst ausgeliefert zu sein, sie ist an die harte Wirklichkeit geschmiegt, ganz in Gottes Hand. Sie hört auf Jesu Weisung: zersorgt euch nicht für den nächsten Tag, das nächste Jahr. Denn der morgige Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe" (Matthäus 6,34).

Die stille Hingabe dieser Frau - sie gibt, weil es ihr nötig scheint. Ohne Berechnung, ohne zu kalkulieren - wie Jesus es wohl meinte: "Wenn du Gutes tun willst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut" (Matthäus 6,3). Sie gibt nicht, um einen Eindruck zu machen, nicht um den Priestern zu gefallen. Sie gibt aus Freiheit, aus Lust, sie hat noch was abzugeben an Lebenskraft - dieser festliche Mensch. Sie setzt auf morgen, auf den Gott des morgigen Tages. Auf den ist sie gespannt und auf die Menschen, die Gott ihr schickt mit Zuwendungen - vielleicht kriegt Gott auch keinen bekehrt zu ihr hin, dann ist Gott selbst Schmalhans. Aber wer wird nicht unter seinem Niveau mit ihr umgehen - so setzt sie auf die neuen Möglichkeiten des neuen Tages, und gibt heute ab, was überblieb.

Es geht um uns selbst in dieser Geschichte. Wieviel gebe ich von mir ab, wieviel teile ich, wie viel gebe ich mit meinem Nehmen? "Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon" (Lukas 16,9). Wo das meiste Geld ist, ist noch lange nicht die meiste Mühe - darum ungerecht das Geld, aber gut, um Gutes zu tun. Also macht euch Freunde, und Freude.-

Wieviel Besitz brauche ich, um freie Hand zu haben, großzügig zu leben. Wieviel Rechthaben brauche ich, Besitz ist doch Rechthaben: Hier hat mir keiner was zu befehlen, hier kann ich verfügen, ich brauche nicht bitten, ich kann bestellen. Geld ist gesammelte Verfügungskraft. Also keine Schande es zu haben, aber es ist Begabung, Gnade, Talent, mach was draus außer mehr Geld, ernähren wir, schaffen Arbeitsplätze, besorgen so Freiheit, machen Freude und Freunde. Wirkliche Armut ist schutzlos angewiesen auf die Gnade des nächsten Augenblicks. Ach, wir müssen uns nicht arm machen, aber mit leichtem Gepäck den Weg des Lebens gehen, das macht offen, empfänglich, wach für Chancen, treibt Entwicklung an, macht auch gesellig und teamfähig, macht höflich, macht freundlich, lässt uns bitten.

Wie viel gebe ich von mir ab, an Zeit, an Interesse, an geduldigem Zuhören, wie viel Aufmerksamkeit sauge ich anderen ab, stelle damit in den Schatten - oder lasse anderen den Vortritt? Ach,- kein Gebot: Gib ab, mach dich arm. Es gibt keine Leistung, auf die wir vor Gott pochen können. Mancher muß lernen festzuhalten, muß erst mal sein Eigenes schätzen lernen, muß nein sagen lernen, seine Grenzen annehmen. Meint ihr denn Gott wolle, daß wir in großer Angst sind? Jesus preist den angstfreien Glauben der Frau, aber verlangt ihn nicht. Wen die abgeschlossene Tür beruhigt, der schließe ab. Gott will nicht Vertrauen, das auf alle irdischen Sicherheiten verzichtet. Autofahren ohne sichere Bremsen wäre ein Gott versuchen. Operieren ohne Gummihandschuhe, Blutspende ohne HIV-Test, ins tiefe Wasser ohne Schwimmenkönnen, Rentenansprüche ausschlagen, jetzt gut leben und fürs Alter, für Krankheit auf die Güte der Menschen setzen und nicht vorsorgen, das ist ungeschickt, ist wie auf Sand bauen.

Flößen wir einander Religion ein - Lebendigkeit, Herrschaftsfreiheit, Leib- und Seelenfreude, teilen wir Gefühle, Gespräche, Lebensmittel. Jeder steuert sich bei und Seins. Und achten wir die Grenzen des Lebens.

Amen.

Schlussgebet


 



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