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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   08.04.2001

Palmsonntag

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Früher näherte man sich sieben Wochen den Leiden Christi an. Die Passionszeit war Fastenzeit, ein Hauch von den Mühen Jesu sollte jeder am eigenen Leib spüren, bis zum Gottesdienst an Karfreitag ganz in Schwarz und das Verstummen zur Sterbestunde, die Grabesstille an Ostersamstag und dann der Jubel bei aufgehender Sonne über den Gräbern. Ostern, der Inbegriff neuer Schöpfung, ein Jauchzen und Feiern auch deshalb, weil das Fürchterliche der Kreuzigung mitgelitten war.
Heute sind wir schnell-lebig, drücken das Geschehen auf wenige harte Schnitte zusammen. In unsern Zeiten, da Sich-Wohlfühlen höchstes Gebot ist, wird nur noch Ostern wahrgenommen. Aber ohne Karfreitag – was soll Ostern?
Also gut, dass wir wenigstens uns die Zeit nehmen. Wenn einige noch wissen, ist die Kraft noch da. Das Wissen von Jesu Passion und seiner Verwandlung gehört noch zum Kräftehaushalt der Zeit.
Nähern wir uns der Passion Jesu, indem wir uns zwei Nebenpersonen widmen, Judas und Petrus, zwei starke Jünger. Jesus war ja durchs Land Galiläa gezogen, um das Reich Gottes auszurufen. Im kleinen Kreis stellte er die Menschheit auf eine neue Grundlage, gab eine neue Verfassung. Eine menschenfreundliche, schöpfungsfreundliche, gottdurchflutete Gemeinschaft fing Jesus an zu bauen – indem er sie lebte, mit einigen Männern und Frauen, vielleicht vierzig insgesamt, dazu noch Sympathisanten. – Sie teilten und heilten und brachten den Menschen neue Bilder von Gott, Jesus sagte: Er ist wie eine Frau, die ihr Haushaltsgeld verlor; als sie es aber wiederfand, rief sie freudig die Nachbarinnen zusammen. Oder Gott ein Vater, der seine verlorenen Söhne versöhnt.
Der Jesus hätte mit seiner Wanderkirche in aller Stille ein friedliches Leben führen können, rund um den See Genezareth. Doch es trieb ihn in die Hauptstadt Jerusalem, Ort des Tempels, Bewahr-Ort der Zehn Gebote und der ersten Offenbarungen, Ort auch der festlichen Opfer-Gottesdienste, Ort des strengen Wissens von Gott. Die dortigen Priester und Theologen nahmen Jesu Treiben gelassen, solange er weit weg war in der Provinz. Als er aber einzog in Jerusalem, und seine Anhänger feierten den Einritt als Stadtnahme mit Palmwedeln und Teppichen auf dem Weg und Rufen: „Hosianna, dem Sohne Davids“, als käme er zur Thronbesteigung, da fingen sie ihn ein und machten ihm den kurzen Prozess wegen Gotteslästerung und Amtsanmassung und Volksverhetzung. Passend kam ihnen der römische Stadthalter, dem zeigten sie Jesus an als Feind des Kaisers in Rom; und weil Pilatus Ruhe haben wollte mit den Jerusalemer Oberen, liess er ihn kreuzigen.
Das hatte ungeahnte Konsequenzen. Wäre er nur der kleine Wanderprediger gewesen, hätte der Sand der Geschichte seine Spuren bald getilgt. So aber starb der Sohn Gottes, der von Gott als Heiland und Retter und Richter der Welt aus den Toten Erhobene, der war gekreuzigt. Von Ostern aus wird Karfreitag zum Mord an Gott, den er aus Liebe an sich geschehen lässt. Und so zieht er alles Leid der Welt mit in die Verwandlung zur Freude. Typisch für unsere Zeit: Man muss immer wieder neu durchdenken, was Karfreitag bedeutet.
Nähern wir uns dem auch durch Verstehen des Judas und Petrus:
Matthäus 27, 1ff: Am Morgen fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten,
und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.
Als Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreissig Silberlinge den Hohenpriestern zurück
und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu!
Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich.
Matthäus 26, 69ff: Petrus aber sass draussen im Hof des Justizpalastes; da trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa.
Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiss nicht, was du sagst.
Als er aber hinausging in die Torhalle, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.
Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht.
Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich.
Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn.
Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Der eine reisst sich aus dem Leben, der andere weint bitterlich. Judas, vielleicht ein ehemaliger Widerstandskämpfer, war aus der judenfeindlichen Sicht der ersten Christengeneration als geldgierig und heimtückisch geschildert. Judaslohn, Judaskuss ist bis heute Kennzeichen für Intrige, Vertrauen erschleichen, mit Liebe töten. Dass Judas so hässlich geschildert wird, ist zur Abschreckung; wir verlegen unsere Versuchung nach aussen, der Teufel, Judas, als Prügelknabe, dann sind wir ja die Guten.
Dabei, als Judas merkt, was sein Ausliefern bewirkt, nimmt er sich das Leben. Also das wollte er nicht, Jesus umbringen, schon gar nicht um Geldes willen. Aber vielleicht wollte Judas den Jesus zwingen, doch Retter gegen die Römer zu werden und Volksheld. Oder er wollte Jesus und die Theologen zusammenbringen, er war so von Jesu Überzeugungskraft begeistert, dass er jede Wette einging: Redet ihr Verfeindeten doch nur mal miteinander, hört doch Jesus mal zu, dann wird euer Kopf von alleine weit und euer Herz wird offen für Gott, wie Jesus ihn sieht. Drewermann macht darauf aufmerksam, auch dem Jesus wollte Judas aufgeben, noch einmal die Schriftgelehrten ernst zu nehmen.
Dann wäre es nachvollziehbar, warum Judas sich ans Leben geht: Er ist entsetzt als er merkt, wie sehr er sich geirrt hat, dass der Ausgang des Prozesses längst feststand und keine Chance war, sich zu finden, also seine listige Idee des versöhnenden Gespräches wurde zur Falle.
Als Judas seinen Herrn und Meister ans Messer geliefert sah, kann er nicht mehr leben, will ihm vielleicht sogar noch vorauseilen in die Finsternis. In Vézelay, Burgund, gibt es in der Kathedrale ein Säulenkapitell, eine Plastik die Jesus zeigt, der den toten Judas auf den Schultern trägt, wie ein Hirte ein Schaf. Jesus hat ihn im Tod getroffen, das ganz gewiss.
Einen, den er im Leben getroffen hat und zwar so, dass er losgeschickt wird als Fels der Kirche, das ist Petrus. Der nur hingeworfene Satz einer Magd hätte ihn beinahe vom Glauben abfallen lassen.
Petrus ist immerhin Jesus gefolgt, er will mitbekommen, wie es seinem Herrn ergeht. So viel Tapferes hatte er sich vorgenommen: Wenn alle dich verlassen, ich nicht! Das geht uns auch so: Mit so viel gutem Willen gehen wir in ein Gespräch. Man hat sich vorgenommen, den Angegriffenen zu verteidigen, oder einzustehen für den Verschuldeten mit einer Bürgschaft. Und dann macht man einen Rückzieher nach dem andern, will nicht der Dumme sein, allein dastehn, sieht sich selbst in Gefahr. Am Ende ist Petrus, der Mann der grossen Worte, Schritt für Schritt zurückgewichen. Zu gern hat er das Gefühl dazuzugehören, am Feuer sitzen, sich Brot rösten, den Krug kreisen lassen während die hohen Herren drinnen über Recht und Unrecht palavern, und einen zu Tode bringen, haben sie es gut bei einander, draussen, nicht verstrickt ins Unrecht, nicht angebrüllt und gefoltert, nicht bedroht. Da, sagt doch eine: „Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa.“
Erzähl doch mal, war es eine feine Zeit, eine wilde Zeit? Man erzählt sich ja tolle Freiheiten von eurem Herrn Jesus – kann die Runde gefeixt haben. Er aber leugnete vor ihnen allen und sprach: „Ich weiss nicht, was du sagst.“
Dann verabschiedet er sich da heimlich, es drängt ihn aus der Torhalle; da sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwor dazu: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Eben hätte ein freies Wort die Lage geklärt, mit einem Auslachen wäre das Gespräch wohl weitergegangen, jetzt aber ist die Angst schon dröhnend, ein Schwur muss her, schweres Geschoss. Dann ein dritter, der ihn ansprach: Deine Sprache verrät dich. Vielleicht nur das galiläische Dialekt – vielleicht auch: ja, wann hat uns unsere Sprache verraten, unsere pastoralen Sätze oder unser Angelesenes, oder dass wir mehr wissen als wir zugeben – Petrus wähnt sich in der Falle. Er schlägt um sich „Ich kenne diesen Menschen nicht“. Wen? Diesen? Sich selbst nicht? War es wirklich so riskant, sich zu Jesus zu bekennen? In der Clique zu sagen: man geht zur Kirche? Oder im Film Chocolat zu sagen: man geht nicht in die Kirche? – Diese Gier, konform zu sein, korrekt, dass man nur ja nicht die falschen Freunde hat. Und was hat man sich von sich selbst versprochen? Wollte man nicht für den andern durchs Feuer gehen? Und jetzt?
Der Hahnenschrei weckt ihn, erlöst ihn, der „kleine Prophet auf dem Mist“ erinnert ihn an Jesus, der hatte ihm den Verrat vorausgesagt und doch die Liebe nicht gekündigt. Und er weinte bitterlich.
Der eine versucht das Unglück noch aufzuhalten: Unschuldig Blut habe ich verraten! Er fordert von den Schriftgelehrten (mit den Worten von Johann Sebastian Bach): Gebt mir meinen Jesus wieder. Seht das Geld, den Mörderlohn, wirft euch der verlorne Sohn zu den Füssen nieder! Gebt mir meinen Jesus wieder. Aber die den Verrat lieben, doch den Verräter hassen, stossen ihn verächtlich zur Seite: da sieh du zu, wie du mit deinem Gewissen zurecht kommst. Und er erhängte sich. Kann sich hier nicht mehr aushalten, will sich loswerden. Vielleicht will er sich nur ausliefern an Gott: Nimm mich oder lass mich, vergib mir oder verlass mich. Will hineinkriechen in Gott. Es gibt eine Sehnsucht zum Tode, von der kann nur abbringen ein Blick der Liebe. Wie Petrus ihn erinnerte, als der Hahn krähte.
Dem Petrus krähte der Hahn nach. Sind wir einander Hähne, die uns wach krähen; sind wir einander Jesus, der uns Kraft gibt, die durch Verrat hindurch reicht. Amen.
 


 



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