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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   21.01.2001

Berge versetzender Glaube

Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht. Jesaja 7, 9
Alles vermag, wer da glaubt. Markus 9, 23
Fürchte dich nicht, glaube nur! Markus 5, 36

Matthäus 17,14 - 20:
Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu Jesus, fiel ihm zu Füssen
und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser;
und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen.
Jesus aber antwortete und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich euch erdulden? Bringt ihn mir her!
Und Jesus sprach ihn an; und der böse Geist fuhr aus von ihm, und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde.
Da traten seine Jünger zu ihm, als sie allein waren, und fragten: Warum konnten wir ihn nicht austreiben?
Er aber sprach zu ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.
„„Ich will“, das Wort ist mächtig, spricht’s einer leis und still. Die Sterne reisst’s vom Himmel, das kleine Wort: „Ich will“.“ – Schon recht, dass wir den Willen hochhalten. „Die ganze moderne Nervosität mit allen ihren Ausschreitungen kommt nur von einer schlaffen inneren Atmosphäre, in der der Wille fehlt, denn ohne eine besondere Anstrengung seines Willens gewinnt niemand jene Einheit und Stetigkeit, die ihn über den dunklen Wirrwarr des Organismus hinaushebt“ so R. Musil. Das faule Meinen und unschlüssige Möchten schwächt das Leben. Darum schon richtig, zu wollen. Der Vater, die Lehrerin: Du musst nur wollen.
Woher nehmen den Willen? Wenn dein Unbehagen gesättigt ist, wirst du Änderung wollen. Auch Hunger treibt an, Sehnsucht, Sorgelust, Machtgier, Grössenwahn, Pflichtbewusstsein, Ehrgeiz, Leidenschaft, mehr Bequemlichkeit, etwa endlich das Fahrrad flicken statt morgens zu Fuss die Brötchen holen. Kräftig wollen ist eine lebensrettende Begabung. Wille ist nötig.
Oft baut sich Wille in einem Nu auf. Ein Blick, und du bist überschwemmt von Zuneigung. Oder einer hat dich beleidigt, dann durchfährt dich ein Rache-Strahl. Du willst den miesen Typen anrufen, ihm die Meinung brüllen – kaum noch kommst du von diesem Ansinnen wieder runter. Frei ist unser Wille kaum.
Allein schon Wetterfühligkeit kann einen ziemlich im Griff haben. Manch einen zieht das Bett magisch an. Montesquieu sagt: „Glück oder Unglück beruhen beide nur auf einer bestimmten Verfassung der Organe.“
Wollen ist wichtig. Aber die uns starben, bedenkt man ihr Leben, hat ihnen ihr Wille genützt? Was sie an Fraglichstem hervorbrachten, ist doch das, worauf sie am meisten Wert gelegt und wofür sie sich die meisten Entbehrungen auferlegt haben (nach Cioran). Und warum haben sie so gelitten, entbehrt, gedrängt? Wollten sie, oder mussten sie so sein? Hatten sie eine Wahl?
Wählen wir unsern Willen? „Insoweit der Mensch seinen Willen kürt, ist er frei“ (R. Musil).
Durch die Propheten, erst recht aber durch Jesus kommt eine andere Begabung zur Sprache: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ (Jesaja 7, 9). „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast“ sagt Jesus dem Hauptmann (Matthäus 8, 13). „Alles werdet ihr empfangen, wenn ihr nur glaubt“ (Matthäus 21, 22). Markus 5, 36: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ und bündig: „Wer glaubt, kann alles“ (Markus 9, 23). „Wer an Christus glaubt, der hat das Ewige Leben“ (Johannes 3, 36).
Das für uns Beste liegt nicht an Wissen, Wollen und Können, sondern an Glauben, an dem Vertrauen: Du bist getragen, du bist von guten Mächten wunderbar geborgen. In diesem Getragensein kommt auch das Können und Wollen zur Ruhe und findet zu seiner Schwebe.
Sieht man im Film ein Menschenkind im Bauch seiner Mutter heranwachsen, hält es einem den Atem an vor Staunen. Das Kind sprüht vor Lebendigkeit, wird immer mehr es selbst, bewegt sich, reckt sich, seine Daumen finden den Mund, seine Füsse treten, das Kindlein dreht und wendet sich. Es schwimmt in einem guten Ganzen und ist Teil davon.
Das Urwort des Glaubens, Psalm 139, 5: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ ist genau von der Schwangeren genommen – die das Kind von allen Seiten umgibt und noch die Hand drüber hält. So dich wissen in einem guten Zusammenhang, du mit allem Wünschen und Sehnen gehalten in der Schwebe des Lebendigen.
Dieser Glaube, wenn er nur klein wäre wie ein Korn, ist mächtig und kann Berge versetzen. „Es kann mir nichts geschehen, als was Gott hat ersehen und was mir gnädig ist.“ „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8, 28).
Das ist keine Theorie über Allmacht. Sondern zeigt die Richtung, spannt die Flügel aus, klug und tatkräftig dem Leben die Aufmerksamkeit zu widmen, die das Leben braucht, um dir gut zu sein.
Glaubst du, weisst du dich in diesem guten Zusammenhang, „Gott“ genannt, dann gierst du nicht zu sehr nach morgen, nach Heil aus der nächsten Begegnung, hörst mal auf, dauernd auf dem Sprung zu sein zur nächsten Gelegenheit. (Hinter vorgehaltener Hand: Eine Unsitte fällt mir hier besonders auf. Wird man hier begrüsst, dann ist der Begrüssende höchstens einen Augenblick bei mir, sein Blick schweift schon in die Runde.) Das Lauern aufs Neue verdirbt die Dankbarkeit am jetzt dir Gewährten. Das Glück, durch die Winterlandschaft warm angezogen zu gehen, das Schwarzweiss der Bäume, das rosa Schimmern der Wolken. Du gehst. Und jetzt ist es gut. Du sitzt hier. Hörst zu oder denkst Deins. Und es ist gut. Jetzt, hier und du hast es warm, und Gleichgesinnte in der Nähe, nicht zu nahe, das ist gut. Jetzt. Jetzt ist dir ein Berg aus dem Blick gerückt, jetzt hast du weiten Horizont, jetzt bist du gern Du. Dieser Glaube ist klein, aber ist ein Samenkorn, das in dir aufgeht. Das ja immer schon da war, das ein Bäumchen schon geworden ist, schon Äste hat, schon Wachstum zeigt, Früchte des Glaubens, Liebe, Freude, Friede. Auch oft schon gezaust und Äste dir abgebrochen, ein Selbstbewusstseins-Ast geknickt; aber du bist noch im Werden, es wächst was nach. Und jetzt ist es gut.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, tu du was daraus folgt: Manchmal auch Querschläger, Ungeduld, Nachlässigkeit, Schuldigwerden, Schuldigbleiben. – Aber um Verzeihung bitten, einen Schaden wieder gut machen oder wenigstens lindern versetzt Berge. Willi Brands Kniefall am Ehrenmal des Warschauer Ghettos hatte Berge von Bitterkeit abgetragen. Auch dein Zugestehen kann Zukunft reinlassen in die Verhältnisse.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, lass gut sein, lass oft gut sein. Lass mehr auf sich beruhen, Schimpfworte, Angriffe überhören, erst mal wegstecken, das kann friedensstiftend sein. Wie viel Beschwerden müssen sich die Zugbegleitenden anhören. Man wälzt das Leid weiter, bürdet es andern auf. Da war die alte Dame anders, die dem jungen Zornentbrannten sagte: Ach, wir sind durchgekommen als gar keine Züge fuhren oder sie einfach auf der Strecke liegen blieben, – jetzt soll ich mich aufregen, wegen 20 Minuten?
Glauben, wissen deine Geborgenheit, hast du auch Tatkraft flüssig, um den guten Zusammenhang zu stärken. Dein Durchblick kann dich verpflichten, in der Politik die dicken Bretter zu bohren mit Geduld und Augenmass. Geborgen wirst du andere fördern in allen Leibesnöten. Dein Glaube kann Berge von Bequemlichkeit wegfegen; du weisst was du musst, du hörst den Ruf. „Bittet, suchet, klopfet an“ (Matthäus 7, 7) hat Jesus denen in Not versprochen, und ich, du, die wir uns im guten Zusammenhang wissen, reichen Hilfe rüber – ganz einfach, da braucht die rechte Hand nicht zu wissen, was die linke tut (Matthäus 6, 3).
Glaubend, wissend von deinem Geborgensein ist dir auch Heilkraft anvertraut, sie kann Berge versetzen. Sie gehört zum Heilschatz Gottes, du darfst sie nicht vergraben, gib sie aus, biete dich an, höre zu, rede mit Verstummten. Wage Brieffreundschaft mit einem, der seine Strafe absitzt, besuche Kranke, schreib Leserbriefe, vor allem ermutigende. Lobe, entschuldige, kehre zum Besten, du versetzt Berge der Resignation und des Trotts.
Manchmal ist Geiz ein so grosser Berg, dass der nur abzubauen ist mit dem Sterben. Geiz tut weh, nicht nur in Sachen Geld, sondern im kargen Denken von der Güte anderer, im dünnen Zutrauen, dass Gott es mit mir gut meine. Kleinglauben nennt das Jesus. Man bestiehlt sich selbst um die Freude, die man auslösen könnte. Wer da kärglich sät, wird kärglich ernten; und wer Segen sät, wird auch Segen ernten (2. Korinther 9, 6).
Der Glaube an dich im Guten Gott, im guten Zusammenhang, der versetzt Berge.
Und wenn du den guten Zusammenhang nicht glauben kannst, dich draussen vor der Tür siehst? Die in Nicaragua bauen wieder auf, enttäuscht, traurig, müde, aber sie werden von einem Glauben getragen, der Zukunft will. In den Reha-Kliniken, wie viele erleben gerade durch fremde Menschen, dass sie nicht draussen sind sondern zu diesem guten Zusammenhang doch gehören, und wollen wieder.
Nicht durch Nachdenken erringen wir das gute Zugehören, sondern wir finden uns als Zugehörige. Wie Kinder nicht durch Nachdenken ihre Eltern annehmen, sondern von ihren Eltern angenommen werden sie gross. Nicht durch Nachdenken bejahen wir Gott, sondern von Gott bejaht sinnen wir dem guten Zusammengehören nach und packen das Leben an.
Eine magersüchtige Jugendliche, die Eltern haben sich gemüht, liessen sie Tag und Nacht nicht aus den Augen, machten alle Sorten von Diäten mit, blieben ihr nah, buchstäblich auf den Fersen, sie sollte sich nicht verlassen vorkommen. Sie wollten den guten Zusammenhang Gottes dem Kind vorexerzieren, sie hungerten mit.
Irgendwann konnten sie nicht mehr, sie fanden Weisheit. Sie liessen ihr Kind gewähren, nahmen keine Notiz von ihren Praktiken mehr, kontrollierten nicht mehr, liessen zu. Sie lernten, ihr Kind im Guten zu wissen, beteten leise bei sich für ihr Zugottgehören und dass Gott sich ihr kenntlich mache. Sie gingen wieder ihrer Arbeit nach und lernten wieder Lebensfreude, luden wieder Menschen ein. Ihr Blick hatte immer wie ein lauerndes Auge über dem Kind geschwebt, jetzt sah das Mädchen die Eltern mit sich selbst beschäftigt, und das Mädchen fühlte einen Hauch von Freiheit. Das Samenkorn des Glaubens an sich, von guten Mächten wunderbar geborgen, fand sie wieder. Sie sah einen Müllberg in ihrem jungen Leben. Aber sie lernte von Momos Strassenkehrer. Momo fragt seinen Freund, wie er den ganzen Dreck vom Viertel schaffen wolle. Und der sagt: Immer nur das Stück gerade vor mir sehen, und dann kommt das nächste dran, so habe ich schöne Gefühle bei jedem fertigen Stück.
Das Wissen „Du geborgen von guten Mächten“ öffnet, wo eben noch ein unübersteigbarer Berg war, einen Weg; das Mädchen ist „entängstet“ – sie weiss dem Strassenfeger und seinen weise gewordenen Eltern nach: „Fürchte dich nicht, glaube nur.“
Ja, wir müssen wollen, müssen uns wollen. Der Wille ist das Segel meines Lebensschiffes. Aber der Wind für gute Fahrt ist der Glaube, dass ich gewollt bin vom guten Zusammenhang. „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1. Korinther 13, 2), ich hätte kein Wasser unterm Kiel. Der Wille ist viel, mehr ist das Wissen aus Glaube, alles ist die Liebe. Amen.
 

Schlußgebet


 



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