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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   26.11.2000&

Ewigkeitssonntag – Totensonntag

Die Zukunft des Glaubens

Was erwartet uns? Was und wer hat unsere Toten empfangen? Erwartet uns überhaupt etwas im eigenen Tod und in der Zukunft der Welt?
Das Zukunftsgemälde des Sehers Johannes Offenbarung 21:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Bräutigam.
Und ich hörte eine grosse Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der Allmächtige sprach: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Das ist die wohl intensivste Vision von der Zukunft, die wir Menschen haben, das himmlische Jerusalem, die Stadt aus Gold mit Toren aus Perlen, in einem Licht gleich dem edelsten Stein, Jaspis, klar wie Kristall. Und ich sah keinen Tempel darin, denn der allmächtige Gott ist ihr Tempel, er und das Lamm (Offenbarung 21, 22).
Weltuntergansszenarien entwirft ja jeder Spielberg-Film furios. Aber das Kommen einer heilen Welt, sanft, wie hingehaucht, als wenn Nebel sich lichten, und dann steht der neue Himmel da, die neue Erde – das Bild des Johannes von Patmos ist tröstlich-wunderbar. Gott hat schon in den Kulissen des Himmels, in seinem Gewand eine neue Schöpfung verwahrt. In die ziehen unsere Toten ein, sie sind schon heimgekehrt, sind eingezogen ins himmlische Jerusalem – schön wie ein liebendes Brautpaar.
Den Vorangegangenen sind abgewischt die Tränen von ihren Augen – in diesem Nu sehen wir unsere Toten, wie sie uns starben, weinend vor Schmerzen oder vor Angst. Uns allein zurückzulassen, war ihre Wehmut. Und Tränen des Erinnerns waren dabei, wenn Hand noch in Hand liegen durfte, zuletzt auch Tränen des Heimwehs, der Sehnsucht nach drüben, endlich den abgebrauchten Körper verlassen zu können und heimzufliegen ins Land, da Fried und Freude lacht. Und den letzten Blick auf die Sonne sogen sie auf als Gedächtnisstütze für den Weg durchs Dunkle.
Abgewischt alle Tränen von ihren Augen, kein Leid mehr, kein Geschrei, mit ihnen, wegen ihnen. Die Hände öffnen sich endlich, die auch das Falsche festgehalten haben. „Und alle Sehnsüchte des Lebens scheinen nun auf eine einzige zusammengeschrumpft: nicht mehr diese gewaltige Anstrengung aufbringen zu müssen, das Zeichen zu machen, damit jemand das Glas Wasser reicht, diese Sehnsucht, dass es einen nie wieder dürsten möge“ (B. Strauss).
Wir gaben sie ab und gaben sie los – ach doch, um alles in der Welt, hoffentlich nicht ins Nichts – sondern in einen neuen Himmel, eine neue Erde – jedenfalls wo von der Quelle des Lebens umsonst gegeben ist, wo Leben ist, geläutertes, und Bäume, Schauen reines Herzens, Mozarts weitere Himmelsmusik, wo das Schöne überdauert.
Weil wir sie liebten, wollen wir für sie Fülle. Und wenn sie ungeliebt und einsam gestorben wären, um so dringlicher brauchten sie, die Bitteren, den Geschmack der Liebe. Gerade angesichts der vielen namenlosen Toten kann Gott all dem Scheitern, dem Hassen und Schuldigwerden nicht das letzte Wort lassen.
Mag sein, wir meinen, für uns auf die Zukunft verzichten zu können. Aber für unsere Toten wissen wir, sie haben Sein, für sie steht etwas aus. Wir mögen uns abfinden mit der Erdenzeit, die schon noch auf uns entfallen wird und; machen es uns auskömmlich mit Technik und Wissenschaft und finanziellem Polster – das genügt uns, sagen wir jetzt, mag sein.
Aber die wir liebten, lieben wir noch. Das spricht für ihr Existieren. In einem andern Stockwerk der Wirklichkeit müssen sie Sein haben. Sonst wäre das verschluckende, verlöschende Nichts der Gott – und das kann nicht sein. Von Nichts kommt nichts.
Und: Was ist, ist nicht alles. Was aus etwas wird, ist entscheidend. An der Börse werden Hoffnungen gehandelt. In der Liebe werden doch Zukünfte vorweggenommen. Und der Glaube schätzt das Erdenleben als erste Rate ein, als Ouvertüre, als Frühling, als Anfang einer Grossen Geschichte. Mag sein, du für dich bist mit deinem Hinscheiden zufrieden, meinst du jetzt. Aber diese Bescheidenheit ist vielleicht nur phantasielos, eine innere Armut. Im Grunde ist jeder von einer Zukunft überzeugt.
Der Prophet sagt an: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er wird ihr Gott sein. Ein Traumbild der Einheit, Gott in einem Haus mit uns, kein Tempel mehr, Gott ist unser Tempel. Dies Projekt Gott-Mensch ist noch im Werden. Das Leben ist Gottes Baustelle. Noch viel Tränen und Leid. Bis kein Leid mehr ist und kein Geschrei aus Trennung mehr – ist noch Erde, noch Übung, noch Kampf, noch Wahnsinn. Unter Stückchen Freude ist erst Anbruch von etwas. Das ist schon Morgenröte von Glück: alles geteilt haben, wovon Liebe erstrahlen kann. Was Gott mit uns vorhat, wird das Vorige nicht widerrufen, sondern vollständig machen. Wenn ein starkes Licht zu leuchten beginnt, löscht es ein schwächeres nicht aus, sondern nimmt es in seine Brandung auf (E. Jünger).
Worum es letztlich geht im Glauben hängt an zwei Worten: „Die Leidhafttigkeit des Daseins“ stand in einem Buch über Buddha. „Die Liedhaftigkeit“ hatte ich gelesen, immer wieder „Die Liedhaftigkeit des Daseins von der Wiege bis zum Grab“ (Ralf Rothmann) – liedvoll das Leben jetzt schon, inklusive Mühe und Arbeit, das glauben Christen. Leidhaft das Leben oder liedhaft – die Liedhaftigkeit des Daseins hängt am Gutwerden der Welt. Christenglaube ist Prinzip Hoffnung. „Hoffen wir allein in diesem Leben, dann ist unser Glaube umsonst, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ –so Paulus im 1. Brief an die Korinther, 15. Kapitel.
„Glaube ist geradezu das Kommenlassen des Zukünftigen“ (G. Ebeling).
Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Aber dass Gott sein wird, weiss der Glaube. Und wenn Gott sein wird, wird Zukunft sein, wird alles voll Zukunft sein, auch wenn wir jetzt nur wie in einem beschlagenen Spiegel dunkle Bilder sehen, die nur Platzhalter sind.
Bilder von der zukünftigen Welt: Etwa das himmlische Jerusalem – das Bild verliert durch die verfeindeten Brüder dort an Aussagekraft. Auferweckung – das Bild bewahrt, dass der Tod, des Schlafes Bruder zu einem neuen Tag führt. Die Hölle: „ein mythischer Name für das reale Schmerzarchiv der Individuen und Völker“ (P. Sloterdijk). Das Jüngste Gericht steht für Herrichten und Heilmachen. Und der alte Rabbi erzählt: Nach der Ankunft des Messias werde die Hölle ans Paradies gestossen, damit man einen grösseren Tanzsaal habe. Und Gott tanze vor (J. Paul).
Ob der Glaube ein Zukunftsbild hat? Wichtig ist, dass Gott immer auf uns zukommt. Der schafft in uns den Glauben, dass wir mit dem Schöpfergott in einer guten Geschichte bleiben.
Der Glaube ist doch das Ergriffensein von dieser Gewissheit: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Das gilt auch für unsere Toten: Nicht Angst vor der Zukunft, nicht Angst für ihre Zukunft. – Nichts kann sie aus Gottes Hand reissen. Sie haben das bleibende Zuhause, während wir auch noch hier sind auf dem Weg; „Hinterbliebene“ – im Lauf des Lebens noch nicht am Ziel, sondern noch dahinten auf der Strecke, und noch nicht weltmüde.
Glaube an Gott den Schöpfer, macht mir auch Vertrauen, dass Gott geschaffen hat den Anfang – auch, was zwischen den Gestorbenen und mir angefangen hat. Aber „Schöpfer“ meint vielmehr: dass Gott Zukunft schafft dem, an dem sein Herz hängt. Auf dass einmal das Vergehen selbst vergehe und Sterben ein Münden ins Grosse Ganze ist.
Für die uns Gestorbenen ereignet sich Zukunft, wie weiss ich nicht. Aber es ist mit dem Tod nicht alles beglichen und bereinigt – der uns verstummte Mensch ist noch viel gefragt, hat noch viel zu sagen – weil ja Gott in Zwiesprache mit uns bleibt.
Das lässt das Zeitliche segnen – ein starkes Bild.
Der Jesus ging von dieser Erde und bat für die Zurückbleibenden, kehrte sie zueinander, vertraute sie einander an, bat um Vergebung für die Übeltäter, was ja auch einschliesst, dass er vergab. Wie auch unsere Toten uns zurückliessen – inzwischen sind sie innig mit Christus verwoben und sind bekehrt. Was immer das Jüngste Gericht meint, es richtet uns her, es macht uns heil. Gott vermag alle Bitterkeit aus der Zukunft wegzuschöpfen.
Die uns starben, sind nicht mehr in unserm Leben, sind „auf der Rückseite der Zeit“ (X. Marias), haben schon geheilte Seelen, und haben es nachgeholt, wenn sie es versäumt haben: Sie segneten das Zeitliche, kehren uns auch zueinander, ihre eifersüchtigen Augen von ehemals sind geheilt. Sie haben auch vergeben und uns um Vergebung gebeten. – Halt deinen Toten Entwicklung zugute, besser: Traue Gott zu, sie schon verwandelt zu haben. Glaub von deinen Toten, dass sie das Zeitliche, also auch Dich, gesegnet haben. Amen.
 
 


 



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