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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   05.11.2000

Das Ich des Glaubens

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott.
Ja, sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen vor dein Antlitz.
Ja, ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist (aus Psalm 42, 43).

Den Mond erforschen, das ändert mein Wissen über mich nicht. Und doch, auch der völlig von uns abgetrennte Gegenstand hat uns was gelehrt. Seit vom Mond aus wir den Aufblick auf die Erde haben, ist uns die Kugel vertraut. Wir sehen vom Mond aus die Erde, sehen uns zusammengerückt, zu einem Schicksal verflochten in diesem winzigen Raumschiff Erde, das so zart und gefährdet durchs All gleitet auf Flügeln der Morgenröte.
Wenn wir schon von der Erkenntnis des Mondes für uns was haben, muss erst recht Gotteserkenntnis was abstrahlen auf uns Menschen. Gotteskenntnis und Selbsterkenntnis, sagen die Weisen, sind zwei Seiten einer Sache. Was, wer Gott ist, das macht auch den Menschen aus. Unser Wesen wird durch das gemacht, was darin west, darin haust, darin klingt. Was, wer west und klingt in uns?
Schon ein Baum hat viel Wesen, – ist Haus für die Vögel, Lebensmittel für den Holzwurm, ist Sauerstoffgeber und Schattengeber und Früchtegeber und Schutzbild für die Dichter. Hat der Baum schon viel Wesen, dann der Mensch erst recht viel: ist Kind, Geschwister, Eltern, Freund, Kollege, Mitbürger, Mitpatient, Verkehrsteilnehmer, Gemeindeglied – je nachdem, welche Rolle bei uns angeklickt wird. Ganz unwesentlich, ganz am Rande von uns selbst, wird mal unsere ausgediente Hülle sein, näher dran schon unser Genom. Die Mitte deinerselbst aber bist du als Person, Seele, Du: Vor wem aber bist du Du, letztlich? Dein Ich – wer hält dich; wer, was sichert dein Sein in all den Rollen, wer spricht mit dir weiter, wenn alle Menschen dir untergehen? Wer/was ist die Festplatte, deines Wesens?
Wenn von Gott sinnvoll die Rede sein soll, dann nicht als Objekt unserer Betrachtung, wie etwa der Mond dort aussen. Wenn über Gott nachdenken, dann als der Acker aus dem wir spriessen. Gott als Seingebendes, das Für-uns-Daseiende. Wir sind Seinnehmende, Exponate, Werke Gottes, mit seiner Handschrift, seinem Herzblut gemacht, seine Fingerabdrücke in der Welt. Wenn du wissen willst, wer du bist, rede mit Gott.
Was uns Menschen ausmacht, uns zu Menschen macht, das können wir ein Stück erschliessen aus Vergleich zu den Tieren. Aber das Weltbild wäre eng und wir wären tatsächlich die Kings des Lebens, wenn das Tierreich die Tabelle abgäbe fürs Ermessen von Menschsein. Unser Wesentliches bliebe so aber unsichtbar. Gewissen, Erbarmen, Musik, Religion, Kunst, die Toten ehren, Sinn für Schönheit, Dichtung wäre nur Schaum, Lappalie, Unsinn, weil nicht essbar. – Und doch macht dieser Überschuss wohl unser tiefstes Wesen aus. In Kunst, Sprache, Kultur merken wir uns als „Invaliden höherer Kräfte“ (H. Plessner). Uns treibt Sehnsucht über uns hinaus, wir werden hier nicht abgefunden in unsern Wünschen, „wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13, 14).
Wir sehen hier im Vergleich mit der andern Natur, nur wie in einem beschlagenen Spiegel, ein dunkles Bild von uns, dann aber werden wir erkennen, von Angesicht zu Angesicht, wie wir von Immerher gemeint sind (1. Korintherbrief 13, 12).
Der Glaube an Gott macht aus dem Menschen was. Wir werden von ihm getroffen, nicht so, dass ich Glauben habe, sondern: Ich glaube, also bin ich ein Gläubiger, im Wesentlichen geprägt durch mein Glauben, angetrieben von der Mitteilung des Glaubens, die macht was aus mir.
Aber mache ich mich zum Gläubigen? Ich glaube, heisst es ja nicht: ich werde geglaubt, oder: es glaubt in mir. Und doch wird mir der Glaube geschenkt, etwa wie ja der Atem mir geschenkt wird, auch das Herzschlagen und das Schauenkönnen mir geschenkt werden. Weder Glaube noch Atmen, noch Herzklopfen, noch mein Schauenkönnen ist meine Tat, sondern ich bin Ergebnis dieser Taten.
Christlich glaubend erhebe ich keinen Anspruch, wegen dieses Glaubens was Besseres zu sein als andere, kann mich auch nicht vor Gott meines Glaubens rühmen, er ist mir ja geschenkt und zugemutet, ich habe mich nicht für ihn entschieden, sondern mir ist die Wahrheit aufgegangen wie die Sonne. Ich finde mich in diesem Denksystem vor, das hält mich, trägt mich seit dem Elternhaus oder durch jähe Offenbarung. – Doch jetzt ist es mein Glaube, zu dem ich stehe, aus dem ich Schlüsse ziehe, für den ich einstehe vor anderen, den ich auch verrate.
Wo habe ich mich als Christ zu erkennen gegeben? Wo wusste ich mit meinem Wesen: „bis hierher und nicht weiter“? Wann wäre Mitmachen Verrat an mir gewesen, und das hat mit meinem Glauben, meinem Wurzelgrund in Gott zu tun?
Uns Deutschen ist die Zeit des Dritten Reiches klar als Zeit des Irrglaubens. – Schändliche Dinge haben sich hinter Gewissheit verschanzt, ja, es war ein besessener Glaube damals.
Albert Camus schreibt in seinem Tagebuch 1945:
Der Zusammenbruch der Deutschen geht einem näher, als man es sich zugestehen mag. Es ist das Mass der Täuschung, in der sie gelebt haben, das Riesenhafte ihrer Illusion, das Blindmächtige ihres hoffnungslosen Glaubens, was einem keine Ruhe gibt. Man hat immer die verabscheut, die diesen eklen Glauben zusammengeleimt haben, die wenigen wirklich Verantwortlichen, deren Geist zu soviel gerade noch ausgereicht hat, aber die anderen alle, die nichts getan als geglaubt haben, in wenigen Jahren mit soviel konzentrierter Kraft wie die Juden sie über die Jahrtausende aufbrachten, die Leben und Appetit genug hatten, um ihr irdisches Paradies, Weltherrschaft, wirklich zu wollen, alles übrige dafür zu töten, selber dafür zu sterben, alle in kürzester Zeit, diese unzähligen, blühenden, strotzend gesunden, einfältigen, marschierenden, dekorierten Versuchstiere für Glauben, abgerichtet zum Glauben, dressiert wie kein Mohammedaner – was sind sie denn wirklich jetzt, wenn ihr Glaube zusammenstürzt?
Dagegen der leuchtende Mensch Dietrich Bonhoeffer.
Er hatte sein Wissen gelebt: Hitler weiter gehorchen, ist Gotteslästerung. Das erste Gebot heisst: Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft erlöst habe, du hast keine andern Götter neben mir (2. Mose 20, 2.3), dieser Leuchtturm im Denken gebot Bonhoeffer, den aktiven Widerstand gegen Hitler mitzutragen. Bonhoeffer stand mit sich selbst ein für Gottes Herrschaft, das hat ihn zum Märtyrer gemacht, was ja heisst: „Zeuge sein bis aufs Blut“.
Es ist Gnade, dass wir nicht unsern Leib als Fackel brennen lassen müssen, um Unrecht zu widerstehen. Aber schon das beherzte Dazwischengehen, wenn einer geschlagen wird, ist Zeugesein für das Reich der Menschlichkeit. Oder wenn Kollegen/Kolleginnen verachtet werden, sagen: So nicht! Und dem Fremden werden wir seine Art Gottesverehrung gerne einräumen, auch seine Kleiderordnung ihm lassen und seine Sprache. Und damit bezeugen unsern Glauben, dass sie auch Gottes Kinder sind, gleichwertig eben. Damit ist der Glaube an sein Ziel gekommen, nämlich Freiheit einzuräumen. –
Glaube und Freiheit ist ja ein weites Feld. Der christliche Glaube räumt viel Freiheit ein, Freiheit ist sein Wesen:
„So bestehet in der Freiheit, zu der euch Christus befreit hat; und lasst euch nicht in ein knechtendes Joch zwingen.“
Wer bist du, dass du andere Gewissen richtest; wer sind die andern, dass sie dein Gewissen zensieren könnten?
Alles was ihr mit Danksagung empfangt, ist gute Gabe Gottes.
Alles ist erlaubt, was Liebe baut und nicht gefangen nimmt.
Und Furcht ist nicht in der Liebe. –
Welche Lebensfreude und Tatkraft und Danklust dem begrenzten Leben gegenüber aus solchem Glauben entspringt, ist gar nicht auszuloten.
Haben du/ich auch die Freiheit zum Unglauben? Wer je die Freiheit zur Liebe geschmeckt hat, wird nicht in Barbarei zurückfallen; der/die wird den Geschmack an Gottvertrauen und Hoffnung über alle Grenzen immer behalten, auch wenn er das Gehäuse seiner Konfession verlässt. Ob der Gläubige noch die Freiheit hat, abtrünnig zu werden? In allem Versündigen jedenfalls bleibt wohl die Trauer, die Wehmut, dass wir unser Inneres und damit Gott verleugnet und verdunkelt haben.
Die christliche Religion räumt, recht verstanden, viel Freiheit ein. Auch die Freiheit von Religion?
Wir dürfen nicht von Staats wegen eine Sorte Glauben verbindlich machen, und von Kirchenseite erst recht nicht. Denn der christliche Glaube spricht frei von jedem Glaubenmüssen, weil ja Gott den Menschen nach seinem Bild formt, zum Gesprächspartner, zum Freund. Und damit Gespräch gelingt und nicht ein Zum-Munde-reden wird, und Freundschaft gelingt und nicht Abhängigkeit, darum hat Gott den Menschen so gemacht, dass er ihm ins Angesicht widersprechen kann. Der Mensch kann Gott verneinen, auch wenn er von ihm lebt. Und darum, weil Gott seinen Segen über Gerechte und Ungerechte ausgiesst, darum müssen Christen auch gerade Nichtchristen höflich behandeln – und Atheisten erst recht – sie haben es wohl schwerer mit Gott.
Glaube kann auch nicht erzwungen werden. Riten ja, Aufsagbares, Zwangstaufen, Heuchelei. Aber wie Menschen von Gott denken konnten, er ordne Kreuzzüge an, Heilige Kriege für Missionierung, das ist uns heute durch Einstrahlung von Heiligem Geist unbegreiflich. Und doch waren vor gut fünfzig Jahren die Christen in Deutschland nicht Christen genug, um Krieg zu verweigern und Mord an ihren Nachbarn jüdischen Glaubens, nein, sie waren besessen von Nationalismus, so dass ihr Christsein dagegen vergilbte.
Es gibt Gehirnwäsche, es gibt Glaubensdressur, raffinierteste Methoden seelischer und geistiger Vergewaltigung, Entwichtigung des Menschen, Verlust des Ichseins, Entpersönlichung. Viele Formen des Süchtigmachens sind Zwangsglauben, man würde sterben ohne den Stoff, ohne diese Dröhnung.
Wahrer Christen-Glaube hütet das Personsein, ja die Würde des Einzelnen wird gehegt durch Gottes Zusage: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jesaja 43, 1). Da liegt der wahre Grund deines Ichseins, dass ein Du, das grosse Du dich anspricht und mit seinem Ansprechen ins Dasein hält.
So begabt christlicher Glaube nicht einige Auserwählte, sondern sichert die Qualität des Menschseins. Befreiende Kraft erwächst daraus, dass man Gott Gott sein lässt. Und nicht Menschen, nur weil sie so leuchten wie das goldene Kalb als Herren anbetet oder heisse Autos oder Mass und Zahl verehrt als letzen Grund. Amen.
 


 



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