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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   13.08.2000

Die Urkunde des Glaubens

Jesaja 55, 10 f: Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen,
so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Matthäus-Ev. 4, 4: Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8, 3): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“

Lukas 4, 22: Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, dass solche Worte der Gnade aus seinem Munde kamen, und sprachen: Ist das nicht Josefs Sohn?

Als Jesus sagte er werde wohl in Jerusalem sterben, da wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.
Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen?
Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens;
und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes (Johannes 6, 66 ff).

Es ging durch die Medien, Eltern haben verlangt, dass die Bibel aus dem Schulunterricht verbannt werde, weil darin jugendgefährdend von Gewalt und Sex die Rede sei. Die Beschwerde wird sicher da landen, wo sie hingehört: Im Papierkorb. Aber die Ahnungslosen werden mehr.
Dabei ist die Bibel das wichtigste Buch der Weltgeschichte, kein anderes hat die Geschichte der Menschheit so umgewälzt, begleitet, beflügelt, kein anderes ist so oft übersetzt, ausgelegt und kommentiert, so kritisiert und verehrt worden. Keines hat Sprache, Gesetzgebung, Literatur, Politik so beflügelt und tut es bis heute. – Bertolt Brecht sagte auf die Frage nach seiner liebsten Lektüre: „Sie werden lachen: die Bibel.“
Kein Buch inspirierte zu so vielen Bildern, Skulpturen, Musiken. „Es ist das grösste Weisheitsbuch, das die Menschheit besitzt“ (Jean Gebser). Niemand kann sie auslesen, weil sie einer Quelle gleicht, welche immer neues frisches Wasser gibt. Aus einem einzigen Grund bedaure ich, schon Christ zu sein: Wäre ich kein Christ, hätte ich die Entdeckung der Bibel noch vor mir. Bibel, nach langer Entwöhnung genossen, ist wie Magie. „Ihre Sagen sind nicht Geschichte sondern Bilder unseres Seins“ (Max Frisch).
Am Wichtigsten aber: Die Bibel ist und bleibt die Urkunde christlichen Glaubens, die erste Kunde des von den ersten Christen Geglaubten, und die Beurkundung des Willens Gottes; so haben wir ihn schriftlich.
Allerdings ist dieser Basistext der Menschheit eine ganze Bibliothek mit Schriftstücken aus der Zeit von 1300 v. Christus bis 160 n. Christus. Und vor der Aufzeichnung hatten die ältesten Stücke schon Jahrhunderte mündlicher Überlieferung hinter sich – die alten Vorstellungen von der Weltentstehung, vom Turmbau, der Sintflut, die Fluch- und Segenssprüche, die Gebete, Lieder, die Gebote und Regeln wurden erst erzählt und verkündet und gesungen, später erst kodifiziert.
Die Bibel besteht aus der Hebräischen Bibel, den Schriften, wie sie zur Zeit Jesu im Tempel von Jerusalem bewahrt und auch von Jesus dort kommentiert wurden, und den Schriften der frühen Christenheit, im christlichen Hochgemut „Neues Testament“ genannt, – was die hebräische Bibel als „Altes Testament“ zum überholten Vorläufer stempelt. Aber die Christen lernen: Jesus widerruft das an Israel geschehene Wort Gottes nicht, sondern bestätigt und erweitert es. Auch wenn für Christen der Jesus das Wort Gottes in Person ist, bleibt doch Israel „Gottes erste Liebe“ und Empfänger der ersten Offenbarungen Gottes.
Unser Glaube ist angewiesen auf Überlieferung. Menschen haben uns erzogen, die Christen waren, die auch schon von Christen stammen, wie flach oder tief deren Glaube auch war. Gottvertrauen von Christen beruft sich auf Jesus Christus, den Erstgeborenen unter vielen Geschwistern. Er hat ausgelotet, dass uns nichts scheiden kann von der Liebe Gottes.
Das hat Israel auch schon zu glauben gewagt – in einer langen Geschichte von dem Urvater Abraham über Moses und die Propheten entdeckte Israel den Sprechenden Gott. Der würdigt Menschen, seinen Willen zu erkunden und zu tun. Und dem entrinnen wir nicht, gehen ihm nicht verloren.
Zwei Lieder aus dem Gesangbuch der Hebräischen Bibel, Psalm 139 und 23, haben den Glauben des Jesus Christus schon im Sinn. Man könnte meinen, Jesus erprobe nur das dort besungene Gottvertrauen, und Gott würde dies Leben als mustergültig besiegeln mit der Auferstehung: Psalm 139: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Wo soll ich hinfliehen, hinweg von dir? Bettete ich mich bei den Toten, bist du da, nähme ich Flügel der Morgenröte, und flöge ans äusserste Meer, würdest du mich dort tragen und deine Rechte mich halten. Am Ende bin ich noch immer bei dir.“
Und Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Ob ich auch im Finsteren gehe, du bist bei mir und gehst mit hindurch. Und bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, – auch meiner inneren Ängste. – Ich werde bleiben im Haus Gottes immer.“ Wir können Leben, Sterben, Auferwecktwerden des Jesus lesen als Auslegung dieser Psalmen.
Israel kann und muss, kann, muss auch ohne Jesus die Treue Gottes glauben. Aber da dürfen wir nicht dran rühren. Hochachtung gebührt den Frommen Israels für deren Ehrfurcht gegen die Heiligen Schriften. Da landet keine Bibel aus elterlichem Übriggebliebenen im Müll. Jedes Wort, jedes Jota wenden sie unzählige Male hin und her, um ihm den endgültigen Sinn zu entlocken. Jeder Bibelvers hat 70 Bedeutungen, ist das Prinzip jüdischer Schriftauslegung.
Die Bibel ist Gottes Wort. Aber wie das? Eine Geschichte legt den Nerv bloss. Mose fragt die Stimme, die ihn ruft, zu Pharao zu gehen und das Volk Israel aus der Sklaverei loszubekommen: Ja, Stimme, Gott, wie ist denn dein Name, was soll ich sagen, wer mich sendet? Und die Stimme sagt: JAHVE ist mein Name – zu deutsch: Ich werde für euch da sein. Ja sag: „Ich werde für euch da sein“ hat mich gesandt.
In den biblischen Schriften sind Geschichten von der Geschichte der Liebe Gottes zu seinen schwierigen Menschen erhalten; andere Religionen bewahren andere. All die Geschichten haben einen Zug von Glanz und Elend; jauchzende Glücksvereinigung mit Gott gelingt und auch Leiden an Gottes- und Menschenfinsternis. Die Bibel ist auch ein Schatz von Menschenkenntnis; wie wir in unserer Gier nach Liebe auch hochmütig und gewalttätig werden. Sehr nüchtern schildert die Bibel unsere Irrungen und Wirrungen. Abraham verriet seine Frau, indem er sie als seine Schwester ausgab, so meinte er sich Gunst erkaufen zu können. Noahs Töchter machten ihren Vater betrunken, um ihren Vater zu missbrauchen. König David stellt einen Hauptmann mit Namen Uria in die erste Schlachtreihe, denn er hatte es auf dessen Frau Bathseba abgesehen. Und wie hat Petrus seinen Herrn verraten, und wie hat die Christenheit die älteren, die jüdischen Geschwister geschändet und ermordet millionenmal? Wie hält Gott zu Israel, wie hält Israel zu Gott? – Die Treue, der Bund ist das Thema des Alten Testamentes.
Christen halten Jesus Christus für das Wort Gottes, sein Lebenslauf ist Versprechen: Wie Jesus vergibt und heilt und zurechtweist, so Gott. Und wie Jesus den Nächsten liebt, so sollen wir’s auch tun. Das Neue Testament kreist um diesen Jesus Christus, wie er jetzt Herr und Hirte der Gemeinde ist. Es sind keine historischen Berichte sondern Evangelium, für damals, Freisprüche in konkrete Geschichte. „Wir brauchen keinerlei bewusste Irreführung von seiten der Apostel oder der Evangelisten anzunehmen – die Menschen damals hatten einfach nicht den gleichen Sinn für Faktizität oder für die Bedeutung des Schriftlichen wie wir. Schreiben war mitfühlendes Teilgeben, das dürfen wir nicht vergessen. Etwas hinschreiben war zu einem gewissen Grad gleichbedeutend mit: es hervorrufen. Es war eher ein schöpferischer als ein abbildender Akt (nach John Updike).
Die Predigten der ersten Christenheit, die seelsorgerlichen Briefe des Paulus und anderer Gemeindegrössen – sie sind noch nah dran am Jesus, wie er leibte und lebte, am See Genezareth und in Jerusalem. Die Texte bewahren die erste Kunde, das Evangelium von Jesus, dann auch Jesus Christus als Evangelium, als das Versprechen Gottes.
Da gibt es Sätze, die garantiert von Jesus gesagt sind; andere die nach ihm klingen, die in seinem Sinne gesagt sind; wieder andere, die aus gutem Willen hinzu gesagt sind, aber jetzt, ohne den grossmütigen Jesus, bellend vorgetragen, nur Angst machen.
Die Evangelien fussen auf Predigten der Urchristenheit, diese fussen auf Predigten des Jesus. „In der antiken Geschichtsschreibung war es selbstverständlicher Gebrauch, den Personen Reden in den Mund zu legen, die der jeweiligen Situation des Redenden entsprechen (Thukydides). Ohne Zweifel sind die grossen Reden Jesu im Johannes-Evangelium so zu lesen; sie stellen die Theologie und Christologie des Verfassers dieses Evangeliums dar“ (C. F. v. Weizsäcker).
Keiner hat Jesu Worte mitgeschrieben; dass er Sohn Gottes war, ist, haben seine Jünger doch erst mit der Auferweckung gemerkt. Und dann musste erst mal ein Theologe mit Griechisch und wohl auch römischem Recht im Kopf kommen, um zu durchdenken, was mit dem Christus geschenkt ist: Er das offene Ohr Gottes, die heilende Hand bei uns, wir sein Leib – ja das brauchte Zeit, dass dann Christi Kirche entstand. Die liess das hebräische Gesetz links liegen, sah im überlieferten Gebot „Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben und dich selbst“ und den Zehn Geboten genug Richtschnur. Sie sah vor allem die Ökumene – das gemeinsame Haus, sah Christus als zweiten Adam, die gesamte Menschheit rettend.
Aber schon seit der Urkirche ist Streit über die Auslegung, wie Geschwister streiten, was die Eltern wohl gemeint haben. Dieser Streit um das wahre Wort Gottes war lange auch ein Streit um die richtige Abgrenzung, welche Schriften denn nun kanonwürdig seien. Bis heute gibt es dazu Streit um das Wort Gottes in den Wörtern der Bibel: Darum die Dogmen und Verwerfungen, die Konfessionen und Richtungen, die Ketzer, Reformationen, Sekten. Immer hängt an der richtigen Auslegung ja auch Macht und Vorteil. Lange stützten die Männer ihre Vormacht mit einem männlichen Gottesbild, Herrschaften stützten ihre Autorität auf das Von-Gott-begnadet-sein durch eine angeblich hochqualifizierte Abstammung. Rom stützt seine angebliche Unfehlbarkeit in Lehrentscheidungen auf den Satz Jesu an Petrus: Auf dich Felsen will ich meine Kirche gründen. Dabei ist Petrus schon zu Lebzeiten von Paulus in Lehrentscheidungen um Längen überholt worden. –
Auf die Frage: was ist Gottes Wort? nur eine explosive Stelle von Paulus. Ein Satz von ihm hat wie ein Dauergift in der Christenheit getobt: „Seid untertan der Obrigkeit, denn jede Obrigkeit ist von Gott, ihr ist das Schwert verliehen, dass sie das Strafgericht vollzieht an dem, der Böses tut“ (Römer 13, 1. 4). Wenn sie aber selber Böses tut? Bonhoeffer hat gewagt, gegen Hitler Widerstand zu leisten. Unsere Väter, Mütter, Grosseltern in der Regel nicht, zu tief in die Seelen war gehämmert dies: „Seid untertan der Obrigkeit!“ Was ist an des Paulus Meinung Wort Gottes?
Einige Brüder und Schwestern halten so eine Frage schon für ungehorsam, weil doch jedes Wort der Bibel Wort Gottes sei, Wort für Wort in die Feder diktiert, verbal inspiriert. Aber das ist die Partei der Angst, die das meint. Die wollen die Bibel insgesamt für den Wahrheitsschatz erklären, damit sie Gott sicher haben.
Sie kommen aber auch nicht drum herum, dass es Widersprüche zuhauf in der Bibel gibt: Wer nicht liebt, bleibt der vom Himmel ausgeschlossen – oder ist Nichtlieben schon Strafe genug? „Heut nacht wirst du mit mir im Paradies sein“ – oder: Der Himmel kommt, wenn der Tod besiegt ist? Und entweder: In den Himmel kommen, die den Willen Gottes tun! (Matthäus 7, 21) oder: „So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht werde nicht aus des Gesetzes Werken sondern allein durch den Glauben“ (Römer 3, 28), dass „Gott die Gottlosen gerecht macht“ (Römerbrief 4, 5). Da ist mit der Gleichung, alles sei Wort Gottes, nichts gewonnen. Wir sind auch gegenüber der Bibel zur Freiheit berufen: „Prüfet alles, aber das Gute bewahret.“ Was ist das Gute? Alles, was ihr mit Danksagung empfanget, was aufbaut, was nicht gefangen nimmt. Das ist jetzt eine Kollage aus drei verschiedenen Texten des Paulus – es ist eine Auslegung, die ich verantworte, mit der Auslegungsgeschichte vertraut, mit dem Auftrag, das Wort Gottes für heute daraus erschliessen zu müssen. Das geht auf meine Kappe, und ihr seid heilig, gottgehörig genug, Lehre zu beurteilen.
Darum ist jede Predigt ja nur – was heisst nur? – ein Glaubenszeugnis eines Christen, der/die jetzt ihren Glauben zu sagen wagt, und andere sagen ihr Zeugnis. Darum muss spätestens im Nachgespräch weitergesprochen werden. Die Wahrheit ist wie das Reich Gottes mitten unter uns im Anbruch. Die Wahrheit ist im Gespräch.
Lies die Bibel, triff dich selbst. Du tauchst in einen Erzählstrom, der dein Lebensschiffchen aus dem Teich nimmt auf grosse Fahrt. Wenn ich länger nicht in der Bibel gelesen habe, erweitern sich die Löcher im Sieb meines Geistes. Und alles fällt durch bis auf das Gröbste, es ist, als wäre es nicht da. Es ist das Gelesene bei mir, das zum Auffangen des Erlebten dient, und ohne Gelesenes habe ich nichts erlebt (nach E. Canetti). Amen.
 
 
 
 
 


 



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