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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   06.08.2000

Die Geschichte des Glaubens

Hebräer 1, 1-2: Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten,
hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn
Hebräer 3, 7-8: Darum, wie der Heilige Geist spricht: Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.
Auch zu uns spricht der Herr.
Hebräer 8, 10-11: Ich will mein Wort geben in ihren Sinn, und in ihr Herz will ich es schreiben und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.
Und es wird keiner seinen Mitbürger lehren oder seinen Bruder und sagen: Erkenne den Herrn! Denn sie werden mich alle kennen von dem Kleinsten an bis zu dem Grössten.
Müssen Christen was glauben? Ist der Glaube ein Behälter für Glaubenssachen? Und sind Taufe, Auferstehung, Vergebung drin, so hast du einen reichen Glauben, und ist nur der Glaube an den Schöpfer drin, dann wäre das ein armer Glaube? Was muss man glauben, um gläubig zu sein?
Wer so fragt, für den ist der Glaube ein Fürwahrhalten vieler unkontrollierbarer Aussagen, ein intellektuelles Opfer. Doch Glaube ist Lebensmut aus Vertrauen auf einen grossen Gott. Nichts gegen die schönen Früchte des Glaubens zu sagen: Kirchbauten und Gemälde, die Erfindungen Krankenhaus, Kindergarten, Findelkinderheim, Stiftungen für Alte, die Diakonie, auch Abschaffung von Blutrache, und Sitten wie die Sonntagsruhe, und die herrlichen Musiken, und die Bibel als Grundstoff der deutschen Sprache – schöne Früchte des Glaubens. Früchte sind auch die Konfessionen und Kirchentümer, die viel Streit auslösten und Gewalt anwendeten. Aber nicht die Früchte des Glaubens sind das Wichtigste, sondern der Glaube selbst.
Seit der Frühzeit der Kirche wurde der angehende Christ gefragt: Was glaubst du? Und mit den andern Täuflingen sprach er die zwölf Sätze des Credo: „Ich glaube an Gott, den Vater...“. Heute scheint ja eine „Erweckung zum Atheismus“ (Botho Strauss) los zu sein, jedenfalls ist bei Umfragen meist zu hören: „Ich weiss nicht, ist mir auch egal“.
„Glaubst du was?“ ist aber noch immer eine der tiefen Fragen zwischen jungen Liebenden, und recht so. Es geht dann nicht um Details, etwa Seelenwanderung oder Jüngstes Gericht – einer könnte den andern auch fragen: „Glaubst du?“, „Bist du in einem Glauben geborgen?“ „Hat für dich unsere Liebesgeschichte mit Glaube zu tun?“ Die Braut fragt so, so ähnlich, weil sie ihre Liebe verwurzelt sieht in der grossen Liebe.
Vielleicht ist dem Jungen das nicht geheuer. Vielleicht hält er Wissen und Glauben gern auseinander, wie Geschichte und Deutung, Bericht und Kommentar. Der Junge hält sich an seinen Mathelehrer; als der Junge einmal den Satz des Pythagoras an der Tafel demonstrieren sollte, fing er an: „Ich glaube: a² plus...“ weiter kam er schon nicht. Der Lehrer donnerte dazwischen: „Wir haben hier Mathe und nicht Religion: Hier heisst es: Ich weiss. Der Religion reicht: „Ich glaube“.“
Der Lehrer sitzt da dem Missverständnis auf, als sei Glaube ein minderes Wissen, oder sogar, als würde das Wissen den Glauben ablösen, wie exakt vermessene Landkarten die ahnungsvollen Pergamente ablösten. Dabei ist doch Glaube das Mark allen Wissens – im Blick auf Landkarten: sie zeichnen auf, wo’s lang geht. Aber was einen treibt, sich auf den Weg zu machen, ist Glaube. Wie auch die Braut den Kerl nicht wegen irgendeines Sachwissens liebt, sondern aus Vertrauenswissen: Der Mensch ist mir von Gott, vom Leben anvertraut. Das könnte auch dem Mathelehrer gefallen: Das eine ist Vernunftwissen, das andere ist Vertrauenswissen.
Geschichte und Vertrauenswissen, genannt Glaube – wie geht das zusammen? Der Junge meint, die Liebesgeschichte mit seiner Braut sei ein Ablauf von Geschehnissen, der ist halt so; was man davon glaubt, ist nicht wichtig. Die Fakten zählen. Die Frau aber fädelt all die Ereignisse auf ihren Glauben auf. Die Frau sieht das Geschehen und Glauben als zwei Seiten einer Sache. So wird sie auch mal Kinder als Gaben und Aufgaben annehmen, als Kinder Gottes, bei irdischen Eltern geerdet. Der Mann sieht Geschichte und Glaube nebeneinander herlaufen, bis dann ein Kind ihm im Arm liegt. Und die Hebamme sagt: „Das ist ihr Kind.“ Da ist alles Sachwissen egal und der Mann wird zum Vater durch sein Vertrauenswissen: „Ja, ich bin dein Vater.“
Glaube und Geschichte. – Ich weiss die Geschichte voll Gott, ja, die Geschichte ist Gott, wie er sich in Geschehen ausfaltet, wie er sich ausstreckt aus Vergangenheit in die Zukunft. Und die Natur ist Gott, wie er sich entwickelt in Wachsen und Vergehen. Der Klatschmohn – eben im Garten – und die Frau sagt: Da steht Gott! .Ein Kind geboren, ein neues Leben ist in die Geschichte eingetreten: Und Luther sagt: „Wer einem Kind begegnet, der begegnet Gott auf frischer Tat.“
Eigentümlich kann das einem klingen, wie aus fernen Zeiten; wie einem auch die Kirchenlieder klingen mehr als Erinnerung an den Glauben der Grosseltern denn als eigene Glaubensaussage. Manch einer hier hat seine heisse religiöse Phase lange hinter sich, und staunt selbst über sich und weiss nicht recht: Bin ich mit meinem Glauben geradevor, oder spaziere ich in diesem Gottesdienst gerade in einem Museum christlichen Glaubens?
„Der Glaube darf nicht eine Stunde alt sein“. (Robert Musil). Und doch hat auch der Glaube eine Geschichte, die damit beginnt, dass die Menschen sich für mehr als einen Batzen Natur halten. Greifbar wird der Glaube in den 20.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen von Lascaux, den unterirdischen Kathedralen, wo die Jäger von damals für gute Jagd dankten und um Vergebung beteten für die Schmerzen, die sie den Tieren angetan hatten. Auch frühere Bestattungssitten kann man erkennen; die Grabbeigaben deuten auf lange Fahrt, Schwert und Schlüssel – die Zeichen irdischer Macht – sollten noch im Jenseits zeigen, mit wem man es zu tun habe.
Gottes Geschichte mit seinen Menschen ist ja eine Liebesgeschichte voller Missverständnisse, voller Wunden und vor allem langwierig:
Gott geht uns nur langsam auf. Er flösst den Menschen mehr Bewusstsein ein, sie werden lernfähig, zukunftssüchtig, verantwortlich, festlich; sie erleben die Liebesumarmung als „Feurige Flamme des Herrn“, so das Hohelied der Bibel. Und erfahren die Sprache als geistiges Wunder; die Menschen wissen sich angesprochen vom Ewigen – die Religionen sind die Dialekte zwischen Gott und den Menschen. – Wir hier in Europa sind geprägt durch die Erfahrungen von Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Lea/Rahel. Die Geschichte des Mose und Israels hat uns erst „Zukunft“ eröffnet, bis dahin gab’s nur die Wiederkehr des Gleichen. Ja, „der Wüstengott, der einst mit seiner Bundeslade über die verdorrte Ebene ziehen musste, hat Karriere gemacht“ so Cees Nooteboom. Bis zu Jesus, dem Leuchtfeuermenschen – der hat uns Gott in den Alltag und in den Tod hinein übersetzt: Jesus lebte mit Gott, Hand in Hand, Wort an Wort. Seitdem nennen sich Menschen Christen, weil sie dem Jesus Christus nach das Leben verstehen und es anpacken mit Glaube, Liebe, wissender Hoffnung.
Und die Geschichte dieses Glaubens mündet gerade eben hier. In diesem Augenblick kommt Glaube an, und möge jeden stemmen in die Gewissheit: Gut, dass ich bin; gut, dass ich ich bin; gut, dass ich jetzt und hier bin.
Die Geschichte des Glaubens geht weiter mit dir, mir und über uns hinaus. Vielleicht ist es wie mit der Sprache: Auch die Sprache ist vor uns da, sie hüllt uns ein, trägt uns, lässt sich benutzen von uns, lässt sich beschädigen von uns und erweitern. Wir lassen unsere Spuren in der Sprache, wenn wir aufhören sie zu reden. Und wir geben sie weiter. So ist’s auch mit dem Glauben: „Der Glaube kommt auf uns zu aus der Geschichte und nimmt uns hinein in seine Geschichte“ (Gerhard Ebeling).
Auch jetzt haben wir teil an der Geschichte des Glaubens, der Gottesdienst ist Intensivstation. Wie Blutspenden erhalten wir Glauben von einander, geben unserm Getauftsein frische Nahrung. – Ja, du wurdest in den Glaubensstrom hineingetauft. Oder bist du als Passant hier, nur von Weitem benetzt mit einem Schleier Christlichkeit?
Kann sein, dass die Taufe dir keinen bleibenden Eindruck gemacht hat. Einer verglich die Taufe mit der Schluckimpfung: Ein winziger Schuss Christentum macht immun gegen Christliches. Aber was hindert dich, neu „in deine Taufe zu kriechen“ (Martin Luther)? Noch reicht die Geschichte des Glaubens bis hin zu dir; und wäre der Faden auch dünn, noch kannst du ihn verstärken, kannst dir neue Zuversicht erglauben. Der Grund ist gelegt, ist Tradition, ist dir überliefert, an dich rangetragen. Du wurdest getauft, nicht: Du hast dich getauft. Du wurdest einer Kette angeschlossen – du hast dir deine Sprache nicht erfunden, deine Stadt dir nicht erbaut, dir deine Bibel nicht geschrieben. – Wir setzen Glauben nur fort, bauen höchstens weiter an der Stadt, die wir bewohnen.
Mit den Bewohnern ändert sich die Stadt, die Sprache und der Glaube, sie sind zeitlich.
Schon von unsern Eltern bis zu uns hat der Glaube eine Geschichte, schon in unserm eigenen Leben hat der Glaube sich geändert. Es kann nicht um das Reinerhalten eines ursprüngliche Glaubens gehen.
Einige Freunde rufen: „Zurück zu den Quellen, zurück zu Bibel und Bekenntnis“ und wollen nicht wahrhaben, dass die Bibel eine ganze Bibliothek mit einer Zeitspanne von 1800 Jahren mindestens ist. Also die Grundlagen unseres Glaubens sind selbst voller Geschichte. Die Quelle des christlichen Glaubens ist Erfahrung mit Geschichte, Jesu Erfahrung mit Gott, unterfüttert von der Erfahrung Israels mit Gott, festgehalten in den Büchern Mose, den Propheten den Psalmen. – Jesu Erfahrung mit Krankheit, Gesetzesglauben, Liebelosigkeit ist beispielhaft. Wie darin Gott geschieht, offenbart Jesus. Und eben deine Erfahrung mit der Realität, die dir gottvoll, leidvoll, sinnvoll, gottgesättigt ist, sie schichtet den Glauben weiter mit auf. Und mal siehst du Leben verloren und mal erhoben, mal siehst du das Leben gottverlassen und dann auch Gott vom Leben verlassen, mal siehst du das Leben, trunken von Gott, singst: „Der dich erhält, wie es dir selber gefällt“, siehst Gott prallvoll Leben. Mal so, mal so.
So ist auch die grosse Geschichte des Glaubens voller wunderbarer Begeisterung und dann wieder voller Skandale – die Geschichte des Glaubens ist eine Geschichte der Befreiung des menschlichen Geistes und auch der Drangsale und Gewissenszwänge. Eine Geschichte der Menschheit ohne jüdisch/christlichen Glauben ist nicht denkbar. Und du ohne Gottvertrauen, ohne Gewissensbildung, ohne Dankgefühl, ohne Wissen einer anderen Welt für unsere Toten, bist dir nicht denkbar. Du bist, was du glaubst, dein Glaube macht dich zu dem, der du bist.
Wir haben auch neue Erfahrung mit Gott gemacht durch die Menschen die wir neu trafen. So legt auch die Geschichte des Glaubens an Gestalt zu durch die, die den Glauben leben.
Jedenfalls gehört Glaube und Geschehen zusammen, Glaube hält nicht von Geschichte fern, sondern macht uns frei, Geschichte zu gestalten. Und da Politik einen wesentlichen Teil des Geschehens bestimmt, sind Christen auch zur Gestaltung von Politik verpflichtet.
Was ist Glaube anders als der Freispruch: Du, leb gern und mach, dass das Leben gelingt. Amen.
 


 



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