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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   28.05.2000

Lukas 11, 9 - 13: Bittet, suchet, klopfet an. – Wer bittet, empfängt; wer sucht der findet; wer anklopft, dem wird aufgetan. Und wenn ihr Schwierigen euren Kindern Gutes geben könnt, wie viel mehr Gutes – Heiligen Geist – gibt euer Vater im Himmel denen, die ihn darum bitten.

Römer 8, 26: Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Heilige Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen (und Jauchzen).
Jesus, der gottvollste Mensch, hat uns die Wirklichkeit auf ganz bestimmte Weise zu sehen gelehrt. Sie ist auf Abgeben aus. Das Leben ist Überquellendes, ist unendlich mehr Sein als Nichtsein, mehr Schenken als Darben, mehr Fülle als Mangel.
Prüft das: „Wenn jemand unter euch einen Freund hat, und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Freund, leih mir drei Brote, denn Verwandte sind überraschend gekommen auf der Durcheise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann“ (Lukas 11, 7) – der Freund würde ihm doch helfen.
Jesus sieht die Wirklichkeit so: Es ist genug vom Nötigen da, aber es ist nicht immer bei dem, der es am nötigsten braucht. Dann müssen wir es besser verteilen – und sollen nicht warten, dass andere mir die Wünsche von den Augen lesen. Sondern ich soll kräftig begehren. Soll bitten, suchen, anklopfen.
Jesus rechnet mit unserer Selbstachtung. Wir werden lieber selbst zurechtkommen, als andern auf der Tasche zu liegen. Schon die kleinen Kinder; eins ihrer ersten Wörter ist „selber, selber“. Der Musterbittende, von dem Jesus erzählt, ist in echter Not: Ein Mensch kommt zu ihm auf der Durchreise und ist natürlich hungrig. Das Gastrecht gebietet ihm, sofort was auf den Tisch zu bringen.
Jesus hält es für selbstverständlich, dass wir nebenan klingeln, wen wir in Not sind; und dass wir Hilfe bekommen. Und tatsächlich, wir würden doch, nachdem wir unsern ersten Schreck überwunden haben, dem Nachbarn, dem Bekannten, dem Kollegen aus der Misere helfen. Wohl nicht, dass unsere eigene Existenz gefährdet wäre, aber je mehr uns die Not einleuchtet, je mehr wir Beteiligte werden, desto mehr rücken wir in die Rolle dessen in Not.
Jesus sieht uns in einer mitfühlenden Wirklichkeit. Und nimm doch dich als durchschnittlichen Zeitgenossen: Deine Hilfsbereitschaft ist doch gross, wenn du beteiligt bist. Du verwendest viel Zeit darauf, andern von Nutzen zu sein. Das Wichtigste was du hast, etwas von deiner Lebenszeit, gibst du doch hin, wenn dich einer braucht. Wenn er dich bittet.
Wenn er genau dich bittet, dich anspricht, dich meint. Je näher du einem stehst, desto weniger kannst du nein sagen. Ja, es gibt Unterschiede: Vielleicht kann einer endlich Nein sagen, hat unter Schmerzen nach vielem Ausgeplündertwerden endlich gelernt sich zu verschliessen dagegen, dass ihm schlechtes Gewissen eingeträufelt wird. Kann jetzt angehen gegen die Flehblicke der Männer, die Muttersauger spielen, oder gegen die Kalte-Händchen-Frauen, die immer einen Dummen finden.
Vielleicht kann einer schwer abgeben, weil er Angst hat, sonst bald leer dazustehen. Oder weil er meint, er habe kaum was.
Es gibt viele, die sehen das Leben mit ihnen knausern. Die meinen, sie tragen am Leid der Welt schon genug mit durch ihre Krankheit, durch ihren schwierigen Menschen zu Hause. Ich glaube, Jesus lässt dem Einzelnen die Würde der Selbsteinschätzung. Auch die knapsen, gehören zur grosszügigen Wirklichkeit. Sie ändern nichts daran, dass die Menschheit voller Hilfsbereitschaft ist. Wenn man nur genügend bittet.
Jesus meint, das Problem scheint mehr beim Bitten zu liegen. Lernen wir, uns als Bedürftige zu erkennen und erkennen zu geben.
Eigenartig: Das Beten ist genau die Sprache des Bedürfens. Der Mensch ist ein Mängelwesen. Unsere allererste Äusserung ist Bitten, Suchen, Schreien – intensives Anklopfen bei wem auch immer: Wir kennen gar nicht unsere Mutter, wir schreien den Lebensgrund an. Du hast uns ins Leben gerufen, jetzt sorg auch für mich. Schreien wie Hagar in der Wüste, als sie mit ihrem Kind Ismael ausgestossen war von Abraham und seiner Frau Sara. Da sass die uneheliche Mutter mit ihrem Kind, ohne alles – und sie heult und schreit Gott an: Wenn so, warum dann überhaupt? Hast du Ismael geboren um ihn verhungern zu lassen ?(1. Mose 21). Immer werden wir in Nöten nicht einzelne Menschen rufen, sondern werden Gott um Hilfe rufen. “Save our Souls“ – SOS – rette unsere Seelen ist der Schrei an den Letztzuständigen, dass er Helfer in Gang setze. Und jeder wahre Helfer in Not weiss ja, dass er gesandt ist, so was wie Engel ist, weist Dank von sich, sagt, er habe nur seine Pflicht getan: Bedanken sie sich beim Herrgott – so ähnlich wird doch jeder Arzt nach erfolgreicher Operation sagen, so oder ähnlich.
Tatsächlich sehen wir ja Jesu guten Zusammenhang auch: Wir leben auf eigene Faust und müssen doch auf gute Mächte vertrauen. Wir müssen klar steuern und brauchen doch die Zuversicht, heute durch den Tag zu kommen – weil getragen, behütet, irgendwie. Etwas in mir erinnert mich, das letzte Ende von etwas Grösserem zu sein, so was wie Sohn/Tochter. Wir ahnen doch, das wir Anteil haben an Ewiggültigem – auch wenn ich in Angst bin, mir eine Blösse zu geben, oder mich nicht leiden kann wegen meiner dummen Macken.
Etwas betet in uns. – Es ist Erinnerung an Ganzsein, es ist Hoffnung auf Heilwerden, was uns beten macht. Ein Beschwören guter Mächte redet in deiner Tiefe zu dir. Paulus sagt, dass der Geist uns vertritt mit Seufzen. Und Friedrich Hebbel sagt: Wenn der Mensch betet, so atmet der Gott in ihm auf. Dass du es wert bist, in deiner Sehnsucht noch gestillt zu werden, in deinen Schmerzen noch gelindert zu werden – es betet aus dir heraus dieses Wissen: Gott ist an dir beteiligt. Und wir müssen nicht Gott über uns Mitteilung machen. Jesus sagt: Gott weiss, was ihr braucht, ehe ihr ihn bittet. Gott weiss. Das ist die Rettung. Gott hört, das ist schon Erhören – Gott, das Lebendige der Wirklichkeit ist Hören, und noch mehr: ist Teilnehmen.
Einsicht, was das Wesentliche ist, bekommen wir, wenn wir uns danach ausstrecken – Gott gibt seinen heiligen Geist, denen, die ihn bitten. – Vom heiligen Geist Gottes leben wir alle, sein Mitteilen ist doch unser Existieren. Licht, Luft, Boden, Keimkraft – alles ist doch gewährt, geliehen; alles Lebendige ist seine Auswirkung, und die danach sich sehnen, bekommen es zu wissen. Wir leben alle von heiligem Geist, aber davon Bescheid bekommen die, die danach verlangen.
Uns allen gilt: wir sollen bitten, wenn wir in Not sind.
Wenn wir bitten, dann erwecken wir im andern das Wesen des Wirklichen: Wir würdigen ihn als Anteilseigner von Gottes Gaben. Und wir blieben ihm was schuldig, wenn wir in Not nicht ihn informiert und gebeten hätten: Es ist, als wenn unsere Kinder verzweifelt sind und uns nicht fragen, bitten. Zu Recht verstehen wir es als Vorwurf und schämen uns.
In Indien wissen sie mehr von diesem Zusammenhang: Da dankt der Spender dem Bettler, dass dieser ihm die Wohltat erwies, helfen zu dürfen. Helfen dürfen, helfen können als Wohltat, du machst mit, dass Leben gelingt. – Wir spüren doch dies Aufatmen, wenn durch uns einer Freude erfährt, Glück erfühlt. Sofort erlebst du dich selbst im Glück, fühlst dich richtig ticken: Ja, du hast dem Leben genutzt, du bist eine gute Investition.
Also bitte, wenn du in Not bist, sag’s weiter. Und wenn du des Nachts einen um Brot bittest, und der drinnen würde antworten: „Mach keine Unruhe. Die Kinder, wir alle liegen schon zu Bett. Ich kann dir nichts geben“ – was sagt Jesus: „Ich sage euch: Wenn er schon nicht aufsteht aus Freundlichkeit, dann wird er aufstehen, um das unverschämte Drängen vom Hals zu kriegen – und wird ihm geben. Also bittet!“
Jesus zeigt uns ganz realistisch die Wirklichkeit. Die Goldadern der Nächstenliebe müssen geschürft werden, sie sind da, auch unter Bequemlichkeit und Hartherzigkeit verborgen. Aber sei dir nicht zu schade zu nerven, wenn du in schlimmer Not bist. Bitte, suche, klopfe an. Die Wirklichkeit ist voll Gott, sieh dich in einer guten Beziehung mit dem Einen-und-Allen.
Beten nun wahrt den Zusammenhang. Das kann wortlos sein oder gesummt oder geweint. Geseufzt oder gejauchzt, kann fürbittend oder meditierend – kreisend sein. Vielleicht meinst du, Gott beknien zu müssen. Dann mach das. Leg das dir Unerträgliche ihm auf, dass du den Kopf frei hast, Deins zu tun. Dafür eine knappe Regel: „Bete; aber fahre fort, ans andere Ufer zu rudern.“ Das halt fest: Unsere Kräfte sind ja Bestandteil von Gottes Energiehaushalt. Wir müssen uns ranhalten, Gott zu helfen, das Nötige gelingen zu lassen.
Beten ist letztlich die Muttersprache unserer Seele. Wenn wir wüssten, wie oft wir beten, dankend, aufatmend, bittend; jedes bewusste Ausatmen, jedes Lächeln, Streicheln, Teilen ist beten, ist sprechen mit Gott. Und was dann kommt ist seine Antwort. Und die ist auch Frage. Und was wir machen aus dem was vorliegt, damit antworten wir wieder. So sind wir, recht gesehen, im dauernden Gespräch mit Gott, wir Glücklichen. Amen.
 


 



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