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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   16.04.2000

Palmsonntag

Menschwerden ist Arbeit: Drei Arten Gott zu verkennen: Die Schriftgelehrten, Petrus und Judas – und alles unsere Verwandten.

Matthäus 26, 69 -75: Als Jesus verhört wurde, sass Petrus draussen im Hof bei Soldaten und Volk; da trat eine Magd an ihn heran und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa.
Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiss nicht, was du sagst.
Er ging hinaus in die Torhalle, da sah ihn eine andere und sprach zu denen drumherum: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.
Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht.
Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich.
Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn.
Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

Matthäus 27, 1: Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten,
und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus.
Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreissig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück
und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu!
Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich.
Zwei Menschen ragen aus der Jüngerschaft mit klarem Profil und sind an der Leidgeschichte Jesu deutlich beteiligt. Beide, Petrus und Judas haben für die Christenheit höchsten Wiederkennungs-wert, ihre Charaktere wurden ausgemalt in Text und Bild, an ihren vermeintlichen Wesen schärfte sich das Menschenbild. Natürlich ist Jesus der Mustermensch, das erste Kind Gottes und der schönste Menschensohn. Aber neben Jesus wurde Petrus ein Vorbild. Und Judas zur Schattenfi-gur.
Jesus steht vor Pilatus. Die religiösen Führer haben ihn der Gotteslästerung angeklagt. Es ist nicht böser Wille. In Moses Gesetz geschult, fürchten sie sich vor dem Gott des Bundes. Ihr Gottesbild ist nicht falsch aber eng. Ins Gedächtnis gebrannt ist ihnen der eifernde Gott, der von Abraham verlangte, seinen Sohns Isaak zu opfern und doch zu glauben, dass er dem Abraham viele Nach-kommen beschere. – Glatt unmöglich, wenn das einzige Kind, die Brücke zur nächsten Generation umgebracht würde, und doch hat Abraham es diesem verborgenen, drohenden, verheissendem Gott zugetraut.
Und die Schriftgelehrten kannten die scharfe Kante der Bündnistreue Gottes: Erst wird Israel geret-tet mit Durchzug durchs Rote Meer, dann bannte Gott das Volk wegen Ungehorsam für vierzig Jah-re in der Wüste. Und wegen Ungehorsam fiel der erste Tempel und Israel wurde nach Babylon ins Exil getrieben. Erst die übernächste Generation durfte zurück. Vor diesem Allmächtigen kann ei-nem wirklich Angst und Bange sein. So hat Israel ausgeklügelte Regeln erarbeitet, wie man Gott zu dienen habe. Man wähnte Jahve im Tempel zu Jerusalem wohnen, im Allerheiligsten, da sei Gottes Herrlichkeit anwesend. – Aber nur einmal im Jahr durfte der Hoheprister durch den Tempelvorhang gehen und dort anbeten – so unerreichbar für normale Menschen, so jenseitig, so streng galt den Schriftgelehrten die Existenz Gottes. Sie waren wirklich voller Angst und wollten unbedingt das Gesetz peinlich genau einhalten, um nicht verworfen zu werden.
Ihr Gottesbild war nicht falsch aber eng. Sie wussten es nicht besser, keine Religion wusste es besser – bis Jesus kam und den gütigen Gott vorlebte. Der will nicht unterwürfige Sklaven sondern vertrauensvolle Gefährten. Der will Hunger gestillt haben und verhängt ihn nicht. Der schickt keine Krankheit, sondern will Krankheit geheilt haben. Er will vergebungsfreudige, grosszügige Mitmen-schen, und das Schwache soll geschont werden, und Begabungen sollen genutzt werden, allen zugut.
Jesus offenbart eine neue Seite Gottes – ja, Jesus lebt vor einem beschützenden Welthintergrund. Nicht bedrohlich sondern befreundet dürfen wir Gott denken.
Nur – da sind die Römer, die herrischen Blutsauger – die müsste Gott doch hinwegfegen. Und da sind die bestechlichen Zolleintreiber und die Diebe und die Schwerenöter, die auf anderer Leute Rechnung leben – die kann doch Gott nicht mögen. Wenn der Jesus recht hätte mit seinem Verge-ben, ginge doch der ganze Staat kaputt. Jesus schien den Schriftgelehrten einfach anmassend, ein Träumer, die Heilungen kein Beweis für den Messias. Die Schriftgelehrten hatten triumphale Vor-stellungen vom Reich Gottes – dagegen schien Jesus zu unbedeutend. Wie so einer sich über Mose erheben konnte – das schien ihnen nur lästerlich. Und der Hohepriester Kaiphas entschied: „Es ist besser, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe“ (Johannes 11, 50). Und da suchten sie einen, der ihnen den Jesus ohne Aufsehen ausliefere.
Judas wird als geldgierig dargestellt, aber das kann eine judenfeindliche Anschwärzung schon der frühen Kirche sein. Auf eine andere Spur führt der Hinweis: „Als aber Judas sah, dass Jesus zum Tode verurteilt war, reute es ihn.“ – Judas kann ein kampfbereiter Zelot, ein Widerstandskämpfer gewesen sein, der sich von Jesus erhofft hatte, dass er der neue König David werde und die römi-sche Besatzung vertreibe. – Mit „Hosianna dem Sohne Davids“ war Jesus schon in Jerusalem empfangen worden, da waren auch nationale Sehnsüchte mit im Spiel.
Aber Jesus lehnte ja ab, mit Gewalt die Umstände zu ändern. Jesus glaubt Gott anders, nicht mehr als Herrn der Heerscharen, sondern als das Herz der Liebe, das die Welt trägt. Vielleicht wollte Judas den Jesus zwingen, dass er vor die Wahl gestellt, Kreuz oder Gewalt, doch zur Gottesvoll-macht griffe und die Wunderwaffe zehntausend Engel herbeizitiere. Aber Jesus offenbarte: „Man kann nicht das Lied der Freiheit auf dem Instrument der Gewalt spielen" (Stanislaw Lec) – oder Original Jesus: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.“ Er lässt sich eher erniedrigen, als dass er erniedrigt, geht lieber ans Kreuz, als andere zu töten. – Da, als Judas er-kennt, er kann seinen geliebten Herrn nicht auf die Siegerstrasse zwingen, da warf Judas den Priestern das Geld in den Tempel und erhängte sich.
Petrus ist ein anderer. Mit Begeisterung hing er dem Jesus an, will mit ihm durch dick und dünn. „Und fährst du durch die Höll, ich bleib doch dein Gesell“ könnte er gesagt haben. Als Jesus andeu-tet, in dieser letzten Nacht werdet ihr euch alle an mir ärgern, werdet ihr alle von mir enttäuscht sein, sagt Petrus: Aber ich nicht. Jede Wette. Und da prophezeit Jesus ihm die berühmten Hah-nenschreie.
Petrus erwischt es ganz schlicht. Er ist Jesus gefolgt, wie sie ihn verschleppt hatten von Hannas zu  Kaiphas und dann zu Pilatus. Draussen im Hof langweilt sich das Personal der hohen Herren, die Soldaten plänkeln mit den Küchenmädchen – wohl ein Feuer, Essen, Trinken. Mittendrin Petrus, der Haudegen, sicher stolz, dass er seinem Herrn so auf Sichtweite nah bleiben kann.
Da, unvermittelt von der Seite, eine Frau: „Du, du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa." Klingt eigentlich anerkennend, die Frau kennt den Namen des Angeklagten, vielleicht war sie eine Sym-pathisantin und hätte gern mehr über ihn gehört. Aber dem Petrus gehen alle Alarmpfeifen an. Als stände Enttarnung bevor, und noch sei alles als Missverständnis abzutun: „Ich weiss nicht, was du sagst. Du musst mich verwechseln.“ Und Petrus steht auf, geht weg, keiner verfolgt ihn. Aber drau-ssen spricht ihn eine andere, nein, spricht eine zu denen um sie rum: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth." Und Petrus, statt zu seinem Herrn zu stehen komme, was wolle – und es schien gar nicht um Kopf und Kragen zu gehen – da fährt er die Leute an und schwört, diesen Menschen nicht zu kennen. Diesen – das klingt abfällig, weit weg jedenfalls.
Und ein drittes Mal wird Petrus in die Nähe des Jesus geschoben: „Du bist einer von denen, deine Sprache verrät dich.“ Noch könnte Petrus zur Vernunft kommen, Fremde erinnern ihn an seine Seelenverwandtschaft: Deine Sprache verrät dich – das heisst nicht nur landsmannschaftliche Sprachfarbe, sondern eine Verwandtschaft im Inneren scheint auf: Du sprichst doch, träumst doch, willst doch, wie er will – so könnte Petrus erinnert sein. Doch Petrus schwört und verflucht sich: Ich kenn ihn nicht. Er reisst sich innerlich los von seinem Jesus. Will nichts mit ihm zu tun haben. Als hätte er ihn nie gekannt. Als wäre alle Liebe durchgestrichen. Als wäre ein anderer Mensch da. Und der Hahn krähte. –
Da weinte Petrus bitterlich.
Und als hätte Petrus den Blick des geschlagenen Jesus aufgefangen – wird Petrus aufgefangen, wird gehalten davon, dass Jesus zu ihm hält. Wie Jesus schaut, das offenbart Gottes Sehen – kein Abblitzen, kein Verachten, keine Ironie: alles Kroppzeug, sondern: – Erbarmen, Zuneigung, Sich-hinbeugen. Petrus hält sich die Hände vor die Augen voller Scham, und den wickelt Jesus aus der Scham, erhebt dessen Antlitz: „Du bist Petrus: auf dich Fels baue ich, mit dir baue ich Reich Got-tes."
Drei Arten, Gott zu verkennen, sind an Jesu Verurteilung beteiligt: Die Schriftgelehrten halten sich an die Schrift, da sind sie auf der sicheren Seite – die neuen Erfahrungen mit Gott soll ein anderer erproben.
Dann Judas, von Gott, von Jesus enttäuscht. Man ersehnt den Starken Gott, aber der lässt sich das Leid antun. Judas und viele Gerechtigkeitskämpfer sind von Gott enttäuscht und werden selber zynisch; wollen von Idealen nichts mehr hören, machen nur noch Geld oder Idylle. Oder kippen übers Lebensblatt die schwarze Tinte der Verzweiflung, legen Hand an sich, gehen grusslos. Auch weil kein Hahn nach ihnen kräht.
Und Petrus verleugnet sein bestes Inneres. Aber er kann sich bekehren, er kann bereuen, kann um Vergebung bitten, kann bitterlich weinen. Weinen, das Fruchtwasser der Seele bewässert den Wandel. Er kann neu anfangen, weil er an einen Gott des Neuanfangs glaubt, der gibt ihm Aufer-stehungserfahrung ins Herz – dem Petrus aufersteht Jesu als Erstem. – Und Petrus wird mit Pau-lus das Gottesbild des Jesus in alle Welt weitersagen.
Das aber ist auch für Judas rettend: Der gute Hirte trägt den toten Judas nach Hause. Der sich zu Tode schämte, den wickelt Gott in sein Erbarmen ein. Der Schattenmensch wird Kind der Freude. Vielleicht ist das auch ein Bild fürs Jüngste Gericht: Uns werden die Augen aufgetan, was unser Tun und Lassen bewirkte. Und aus der Scham wird uns Christus erheben ins Licht. Was auch die Schriftgläubigen, die vom Buchstabenglauben Erstarrten lebendig machen wird.
Menschwerden ist Arbeit, wohl wahr. Amen.
 


 



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